Frank Klötgen: Der Hochmut

Die 7 Todsünden: Superbia. Der Hochmut (gekürzte Slamversion)

Voilà, voilà, na, alles klar?
Boah, lächelt, Leute – ich bin da!
Mönsch, Ihr schaut alle so aufgeweicht,
Die Haut ganz grau und ausgebleicht ...
So bräunt Euch ein Weilchen im Schein meines Glanzes,
Der ob obszöner Schönheit schon extravagant is'!
Lasst salbungsvoll ihn Euch als Augenschmaus munden
Dass Eurer Haut Tönungen wiedergesunden!

Denn ich, ich brilliere vor Omnipotenz,
Dekantiere zaristische Vollopulenz!
Ich werd' dekadent an der Hochkultur Haar zieh'n,
Als ein machiavellistischer Gruß der Bohème –
Bin entzückenbestückter Smaragd aus Arkadien –
Und vor Perfektion schon ein bisschen plemmplemm.
Ich bekrön' den Olymp gottesstämmiger Gattung,
Bin postparadiesische Freudenerstattung –
Des Sündenfallobsts zweite Chance!
Ein Elefant der Elégance,
Welcher elitär aufrecht in Eure Welt schreitet,
Gleich 'nem Penisstoß, der in ein Rehkitzlein gleitet –
In seiner Gnad' erbarmungslos,
So mächtig, prächtig, prall und groß ...

Ja, schon hört man hier im Text – an den leiseren Stellen –
Euren Geifer eifrig schwellen!
Na, ich weiß ja, dass, wer mich betrachtet,
Augenblicklich sich beschmachtet –
Doch Kinder, für mich heißt's da Abstand zu wahren!
Ich möchte, weiß Gott, nicht herablassend sein ...
Doch so 'ne Bälger, die die Hebamm'n hervorzieh'n in Scharen,
Sind mir zu gewöhnlich – Ihr müsst schon verzeih'n!

Erspar'n wir uns Erörterungen
Und höfliches Verdreh'n von Zungen!
Ihr wisst doch, was für'n Pack Ihr seid
Von imbezil ehrloser Wertlosigkeit?!

Hey, ich mag Euch nicht zu nahe treten
(nee, Nähe ist echt nicht erbeten!) –
Weil Ihr zur Geißel der Gemeinheit
Auch noch geistig scheiße klein seid.

Man sieht an mir
Recht gut, weil ihr
So schlecht im Überlegen seid
Die schlichte Überlegenheit.
Das zeigt doch klar – und klingt's auch hart:
Ihr seid halt mehr so Unterart!

Derweil schöpfe ich Gottes Schöpfungsplan aus –
's gelingt mir vortrefflich, wo bleibt der Applaus?!
Oh, fast scheint mir, als hätt' ich Euch grade vergrätzt –
Ja, habt denn Ihr Euch zu mir in Beziehung gesetzt?
Schont Euch doch, Häschen, vor diesem Vergleich –
Ihr seid nun mal bräsig und käsig und bleich!
Ihr schimmelt schlaff als Einerlei
Wie ein wimmelnder Bakterienbrei
Ach, würd' es doch von Euren Leben
Nicht so schrecklich viele geben,
Dass schon Euer Anblick langweilt,
Jeder Drang zum Anfick abheilt!

Mein treu ergeb'nes Publikum,
Schweißfüßig dünstet Ihr dröge herum –
Und Ihr seht auch so aus, ey, als fehlt's Euch an Wissen,
Dass andre Leut' Euch sehen müssen!

Ich betrachte Euch nun schon seit ... – ja, Herrgott, wie viel Uhr 's 'n?
Oh, Ihr schiere Vergeudung von Lebensressourcen!
Ich wink' nun zum Abschied Euch Desorientierten
Aus der Höhe meiner Unfehlbarkeit –
Und bitte sagt all den von mir hier Brüskierten:
Ich pfeif' drauf, ob wer meine Kühnheit verzeiht!
Ja, Ihr nennt meinen Mut zu solch Höhe bloß Sünde –
"Warum muss diese Bosheit sein?" –
Nun, als Großgrundbesitzer brauch' ich nicht groß Gründe!
Die find'n sich genügend in Eueren Reih'n.

Mich trieb es ja nur in die Höh' mit der Zeit,
Weil Ihr, welke Brut, so sehr abstoßend seid.

Nun wollt Ihr, klar, ich kann's versteh'n,
Mich von hier oben fallen seh'n.
Denn schließlich heißt's doch überall:
Der Hochmut käme vor dem Fall!
Und sprichwörtlich gierig reibt Ihr Euch die Hände,
Dass sich nun erfülle, wie es Euch verheißen ...

Doch Knall – ohne Fall – ist der Text hier zu Ende.
Nun, schlecht mögt Ihr sein, aber Ihr seid gut ... zu bescheißen.

Nun, nach diesem Text ist's schon manchmal passiert,
Dass mir irgendwer meine Fresse poliert.
Dem Pöbel hilft ja jedes Mal
Sein Dasein in der Überzahl.

(Sowie alternativ – und alsbald zu erwarten:
Die ihm überlassenen Slamjurykarten)

Frank Klötgen: Zu der Doofheit des Dorfes

Zu der Doofheit des Dorfes und dem Dumm drumherum

Schon wieder drei Tage im Nirgends gewesen,
Den Luther geblutet für halbgare Thesen –
Mein Zungenjunges abgehetzt,
Am plumpen Stumpfsinn stumm gewetzt
In den engen Gehörgängen törichten Lebens –
Doch das Betören der Toren war völlig vergebens:
Das Dorf ist doof.
Niemand redet das schön.
Dort brütet nur eitel die Einfalt, gewöhn'
Dich dran, Mann –
Erspar' Dir dein Vagabundier'n!
Das Dorf ist verlor'n, es wird nie was kapier'n.

Denn dort grassiert die feist auf Langzeit
Einmassierte Geisteskrankheit
Des mainstreamgemästeten Inzestgestüts –
Die gefräßige Hässlichkeit simplen Gemüts.

Sie brüstet sich rüstig der einfachen Werte
Und entzückt sich am geistlosen Hang zum Banalen –
Man preist, was das Alteingesessene lehrte,
Leistet dreist sich die Abscheu vorm Ornamentalen.

Diese verblödete Ödnis der dörflichen Welt,
Die ja niemals der Glanz von Nuancen erhellt,
Weil ihr Eselsvolk, störrisch und selbstgerecht,
Des ungestört am Stammtisch zecht.
Die woll'n immer nur Wurst und Kartoffelschnaps tanken,
Dürsten stur nach der Hausmannskost fader Gedanken
Im säckigträgen Kleinstadtmuff,
Dem Stefan-Raab-Begacker-Puff.
Subversiv darf es sein – aber bitte als Show!
Auf raffinesselosem, devotem Niveau ...
All das Lärmende lähmt man sich speckig zurecht
Und belechzt irr beim Beck's Bier sein Sinnesverarmen.
Der Zustand: erbärmlich, die Aussichten: schlecht –
Vor Engstirnigkeit ächzen Landpanoramen.

Und Du faselst daher von dem Zauber der Landschaft,
Von sauberen Seen und von Seelenverwandtschaft,
Vom Besinnen auf ländliche Ursprünglichkeit,
Dem Entrinnen von rastlos entfremdender Zeit,
Magst pur – wie's hier scheint's alle tun –
Mit der Natur im Einklang ruh'n?

Du zwitscherst Kitsch, mein Amselkind!
Und Du biederst dich an diesen bied'ren Barbaren,
Sprichst kindlichtrüb, romantikblind –
Nun, das willst Du auch sein, gut, nur sei Dir im Klaren:
Das Dorf ist doof.
Also red' keine Scheiße!
Jeder Tag in Idylle ist verschwendete Zeit.
Auch mir gefällt, wenn die Welt lächelt, Herz, weiße –
Und gern wär' ich hierfür mich zu prügeln bereit!
Doch das Dorf ist verlor'n, es wird nie was kapier'n –
Und, Herr, wurd'n wir gebor'n, dieses Nichts zu durchirr'n?
Diese von debiler Beschränkung verfinsterte Steppe,
Durch die ich oft stur via Tourpläne zappe
Für den einstmals Gut-einmal-noch-letzten-Versuch
Des Versenkens von Versen in Kuhstallgeruch –
Um dann willig in mülliger Gülle zu kentern
Beim bäurischer Hackfressen Sackgassen Entern ...

Welche Unrast verschreibt mir ein Vorwort zum Vorort,
Das Fensterln an der Finsternis?
Ja, bloß zwei Züge später bin ich wieder an Bord dort,
Denn wie winzig die Provinz auch is':
Meine Muse verwehrt mir Mimose zu sein,
Sagt: Schluss, aus und fertig – da musst Du jetzt rein!

Reiß' Dich los von dem labenden Mocca der Stadt,
Von dem stärkenden Äther der städtischen Wonnen –
Noch schockerstarrt, doch behaglichkeitssatt,
Geht's zurück in das Unglück, dem Du just entronnen!
Denn wie erquickend Dich hier Deliziöses beregnet,
Auch unentwegt Dir Ruinöses begegnet –
Und so groß kann keine Großstadt sein,
Dass nicht aus ihren ersten Reih'n
Schielt die Doofheit des Dorfes als das Dumm vom Drumrum.
Nur, das ist halt Dein Publikum!

Erwarte keine Himmelstürmer
Ständig auf Komplizenausschau,
Wohlgerat'ne Bücherwürmer,
Dandymiezen – aus dem Mausgrau
Flüstern keine kapriziösen
"Stil – und bitte viel!"-Souffleusen
Oder Prinzen ungestümer
Lyrik führ'nder Fürstentümer!
Wenn sie Dich on stage kastei'n –
Verdumpft und dumm, bis dass es blutet –
Wenn, weit geöffnet, Wunden spei'n –
Schrei': Hat vielleicht ja ooch sein Jutet!
Denn irgendwann, sagst Du Dir, findest Du Deine Leute ...

Gut, wenn man sich umschaut – vielleicht nicht grad heute!

So schöpf' Mut aus dem mählichen Schwinden des Schorfes,
Aber bleib' auf der Hut!
Vor der Doofheit des Dorfes.



Frank Klötgen: Gula

Die sieben Todsünden: Gula. Die Völlerei (gekürzte Slamversion)

Mundschenk! Ist's wohl angerichtet?
Fremdelnd deucht mir, ich verzichtete
Schon ein Dutzend unterernährter Minuten
Zu stopfen mein läufiges Lippenloch,
Es gewaltig mit allerlei Breien zu fluten,
Denn so tüchtig ich schluckte – 's geht tüchtiger noch!

Füllt den Napf! Füllt ihn voller, von Schwellenangst frei!
Ich schöpf' aus dem Zentrum – wen kümmert der Rand?
Das Ziel heißt Fullfillment, der Weg Völlerei –
Mein Kropf hupft frohlockend, der Steiß gluckst gespannt.
Noch kauern meine Kauerkräfte,
Es stau'n sich der Kaldaunen Säfte,
Da eregiert die Speiseröhre:
Was dringt denn heut noch in die Göre?
Macadamia, Makronen,
Mayonnaise, Macaronen,
Marmelade, Mandelsplitter,
Mascarpone, Magenbitter,
Nougat, Ovo, Pasta, Quark,
Radi, Schmand, Tomatenmark –
Schaut ruhig her und seht: Ich trotze
Weder Tarte noch Babykotze!

Alles, alles muss hinein –
's geht nicht um Genuss allein:
Mich dürstet nach Essen, dem Blähen der Därme,
Dem Schwellen der Leber, Fäkaliendampfwärme!
Also übergeb' ich hart
Dem Verpflegungsapparat:
Zartbitt'rigste Erschitterungen –
Die schlittern zittrig von der Zungen,
Hangeln sich ans Gaumenzäpfchen,
Starren in den Schlund hinab ...
Eben noch im Futternäpfchen,
Schau'n die Häppchen in ihr Grab
Vom Magensaftzersetzungspfuhl,
Dem präanalen Swimmingpool –
Ein Meer, das wertfrei der Weltanschauung
Verzehrt sich nach XXL-Powerverdauung.

Jed' Stuhlgang wird zum Sofamarsch,
Als Thron ein prall gefüllter ... – ja,
Nur Übermaß übt uns im Mästen –
Bisher fraß ich bloß zum Testen!
Nun wird Nahrung im Akkord,
Unverzagt und ungezügelt,
Ohne Grund in einem fort
In das Mündchen reingeprügelt.
Löffeln, spachteln, schaufeln, plündern –
Nicht so wie bei armen Sündern!
Ich raff' mich tough und tougher gar
Schmatzend nach Schlaraffia,

Das Ziel heißt Fullfillment, der Weg Völlerei!
Und abgespeist feist sein – was ist schon dabei?
Warum sein Benehmen zähmen,
Wenn sich die Begehren mehren –
Gar sich der Extreme schämen,
Gegen das Verzehren wehren?
Nein – denn mein ist, dass ihr's wisst:
Alles, was verfügbar ist!

Und vom krass gepimpten SUV
Zetre ich das Mordio
Des fett im Geschäftigen Look, it's me! –
Mein Wertpapierportfolio
Wird alle Futterneider lynchen,
Egoman wie Bayern München.
Ich kann in Allmacht und Renditen
Nur mich selbst noch überbieten,
Bin, losgelöst von Qualität,
Die pure Adipösität!

Und doch ist alles für die Katz:
Denn wie soll ich mich weiter steigern?
Ich brauch' im Bauch mehr Speicherplatz,
Bevor sich Muskeln krampfhaft weigern!
Doch nochmals schneller mehr zu schlingen,
Lässt sich leider nicht erzwingen –
Am Verdauungsapparat
Hat der Herrgott wohl gespart!
So hocke nun als armer Tor ick,
Ausgebremst von der Motorik –
Fühl' mich, obgleich doppelt schwer:
Unsatt, unerfüllt und leer.

Ja, mit Schwermut
Liegt das Leergut
Meiner Sünde mir im Magen –
Kann der Hula-Gula-Häuptling mir da mal die Gründe sagen?

Doch der Götze, dem ich fett gehuldigt,
Schweigt nun plötzlich unentschuldigt.

Nun, wie entkam ich diesem Tal?
Davon dann ein andern Mal ...



Frank Klötgen: Mein erstes Mahl mit Carmen

Mein erstes Mahl mit Carmen (gekürzte Slamversion)

Ich schneid' aus halbwegs gelung'nen Kalbsteaks
Ihr eine mundgerechte Portion,
Führ' mit der Gabel sie ihr zum Schnabel
Und schreite lustvoll zur Degustation.
Allein beim Kau'n ihr zuzuschau'n,
Ist der Profanverköstigung hier wert,
Denn höchst apart ist ihre Art,
Mit der sie Speise nebst Getränk verzehrt:
Ihr Bäckchen bebt – vom Biss belebt –
Derweil ihr Kiefer sich mal senkt, mal hebt,
Und Eleganz erfüllt den Tanz,
In dessen Aura schiere Anmut schwebt – bomm, bomm!

Oh Carmen – Erbarmen!
Mein Kopf kommt erst klar, wenn
Ihr zärtlich beknabbernd ein Rippchen beäst –
Dann serviettenbetätschelnd das Mündlein verhätschelnd
Gar feinspaltig schürzend die Lippchen entblößt ...
Ah, was mehr kann ein ruchloser Gaffer verlangen,
Als Zeuge zu sein bei dem Straffen der Wangen –
Deren Spannung sich andient als Hort süßer Grübchen,
Die, kurzzeitgesättigt von Nahrungszuschübchen,
Mein Langzeitgedächtnis genussvoll verzücken –
Wohlwissend: Frau Carmen, die kann was verdrücken!
Und zeigt sich auch ihr Biss und Bite
Nur in sichtgedämpfter Sinnlichkeit –
An ihren Lippen zu nippen, bis dass man sich satt schielt,
Lässt lebhaft erahn'n, was sich hinterlipps abspielt ...
Und ich erschließ' mir ihr Wirken im Mundinnenraum
Wie 'nen scheu an die Wirklichkeit klopfenden Traum!

Malmend, zuckend, tief im Mund,
Schluckbereit giert ihr Schlund
Nach Nahrungsmittelabtransport per Gurgeltransaktion – poaw!
Speisebrei mit Speichel-Spei
Beißt sich meist leicht entzwei –
Gilt das auch für Rinderfleisch aus mind'rer Produktion? Oder Pferd?
War da nicht was Angestrengtes in Frau Carmens Minenspiel?
Jeder hier bei Tische denkt es: Dieser Bissen war zu viel ...!

Doch trotz zehrendem Kampf mit zähem Brät
Bewahrt sie Souveränität!
Nur kurz bläht sie die Backentaschen,
Um dann – zack – mit einem raschen
Schluck – Hauruck, als gäb's kein Morgen –
All den Ballast zu entsorgen.

Weh, ungeahnt greift mich ein wohliges Wühlen,
Im selbigen Tun mich ihr näher zu fühlen!
Meiner Rolle des Schau'nden ist's zwar zum Zerwürfnis –
Mal selbst so zu kau'n, ein mich dräng'ndes Bedürfnis!

Und mundwärts fährt die Gabel – ein Rindsrest ihre Kron'!
Der reizt als Gaumengabe zur Muskelkontraktion ...

Dann erschreck' ich jäh – äh,
Ist das alles zäh, bäh! –

Dieser Klumpen Fleisch, den ich in meinem Gaumen dreh' –
Und ich kaue und ich malme, doch ich krieg' den Lurch nicht durch!
In den Speisebrei ich den Speichel spei' –
Selbst mit roher Kraft bring' ich den Rochen nicht entzwei –
Aber alle Zwischenräume meiner Zähne sind gefüllt!

Und Frau Carmen schauet int'ressiert –
Meiner Aufstoßspasmen irritiert –
Denn ein Brechreiz spreizt sich aus in mir,
Und die Tränchen steh'n mir schon bis hier!
Weil sich alles wehrt und dagegen sperrt,
Dass man seine Fleischeslast mit einem Happs verzehrt ...
Und ich beiß' auch nicht mehr drauf –
Nee, nee, ich geb' jetzt auf!

Und ich spuck' diesen körperwarmen Kloß in die Serviette –
Besser so, als ein überhitzter Gang auf die Toilette!
Und fast scheint's, als wenn ich damit die Situation rette –
Doch das Pech, in Verkettung all der Umstände, obsiegt:
Und allem Glück abhold – sowie der Eil' gezollt –
Sich das auf den Tisch gelegte Tuch sogleich entrollt ...

Und der Krötenfötus bös entblößt im Fökus liegt.

Mit Schaudern wird nun angeschaut,
Was von mir wie vorverdaut,
Maulvoran hervorgekotet.
Fasrig in sich selbst verknotet
Wie ein plumper Schleimkokon –
Das Heim des Popelpapillon –
Ein garst'ger Egel, der verreckt
Dargeboten als Konfekt!

Da spür' ich, wie's in Carmen wütet:
Den Mund, der solches ausgebrütet –
Den möchte sie nicht küssen müssen,
Auch nicht in ihrer Nähe wissen!
Und ungelenk empfehl' ich mich,
Und stehl' mich fort, senk' elendig
Mein schauend, kauend, trauernd Haupt –
Das sich doch kurz im Glück geglaubt –
Und lass' als Amuse Bouche zurück:
Ein niemals Schluck geword'nes Stück.

Das mahnt in seiner Fleischlichkeit,
Wie sehr Ihr unvergleichlich seid!
Und dies Euch, oh Carmen, nachzuahmen –
Nicht nur an-, auch abzuschau'n –
Sollten sich die Lebenslahmen
Meiner Prägung nicht getrau'n.

Scheint auch das Kauen
Schöner Frauen
Äußerlich wie Party pur,
Folgt's innerlich 'ner Partitur!
Und nur,
Wer dieser Note für Note entspricht –
Der speist wie Frau Carmen beim jüngsten Gericht.



Frank Klötgen: Der Zorn

Der Zorn

Die 7 Todsünden: Ira. Der Zorn

Na klar, ey, ramm' hier ruhig satt in mich rein!
Ach, wer bückt sich denn heut noch fürs Rücksichtsvollsein?
Ja, die Gänge im Zug sind echt elendig eng –
Und wenn man sein Handy grad bändigt, ich denk',
Dass man da zwangsläufig in irgendwen wummert,
Der just zwei Minuten lang selig geschlummert ...
Na, es ist Gott sei Dank ja nichts wirklich passiert –
Ein Teil Deiner Cola hat sich zwar verirrt
Und sich sintflutig wütend aufs Tischlein ergossen,
Ist von dort auf mein leidendes Beinkleid geflossen,
Das zur wohlfeil aparten Textilie gewebt,
Nun von billiggesöffigen Sprenkeln verklebt.

Mit dem Handy zumindest ist alles o.k.?
Dem gilt ja das Gros Deiner Sorge – ich seh'
Schon, ich stör' bei der höheren Gör'nunterhaltung?
Nee, ich schwör' Du – hat Zeit mit die Schadensverwaltung!
Führ' Du bitte erst Dein Gespräch noch zu Ende –
Ich mein', irgendwie hat man ja doch nur zwei Hände!
Ich bewache derweil diese schmachvolle Lache,
Die da wacker vom Rand meines Tischplatzes schwappt,
Und lausche dem Output an Teenagersprache,
In der es grammatisch nicht immer gut klappt ...
Doch all der gehörte Rest Wörtergebein –
Er stört mich echt nicht im Geringsten, oh nein:
Ich bin ein ganz Verständiger,
Mein kleiner Handybändiger!
Und ich achte das machtvolle Unbedarftsein –
Jenes flach in die Welt "Is do mir ejal!"-Schrei'n –
Selbst die roh'ste Unverfrorenheit
Bin ich jed' Tor'n zu zeih'n bereit,
Weil letztlich ja die Geste zählt,
Mit der er sich dann zur Entschuldigung quält.
Und sehet: Das, was mir hier aufgetischt,
Wird nun großflächig mit 'nem Papiertuch verwischt!

Ja, klasse – so klebt's wenjstens überall!
Na, Reinlichkeit, seh' schon, ist nicht so Dein Fall ...

Nein, ich bitte Dich – das kann doch jedem passier'n!
Nur abgeseh'n davon, würd' mich int'ressier'n:
Wie viel Quentchen der niedersten Hirntätigkeit
Hält man sich für solcherlei Leben bereit?
Kann man als Besitzer solch langsamer Mühlen
Noch irgendwas denken, noch irgendwas fühlen?
Und bevor wir jetzt leicht aneinander geraten,
Warn' ich Dich im Guten vor:
In mir gärt die Wut von gut zwanzig Granaten,
Tollt grollend ein bollernder Höllenfuror –
Und faucht der erst hervor mit gar brünstigem Graus,
Wirkt sich das auf Dritte eh'r ungünstig aus!

So ganz zwanglos hast Du Dich vom Anstand befreit!
Auch mangelt's Dir merklich an Einsichtigkeit.
Doch heißt's selbst bei Reue "Nö, führ'n wa grad oo nisch!",
Straf' ich dies drastisch bis drakonisch!
Denn Verhalten braucht Berichtigung –
Am besten halt per Zichtigung!

Und wenn in mir der Ingrimm glüht,
Wird alsbald herzlich schmerzlich klar,
Dass Dir ein Strauß von Unheil blüht –
Die Cola goes Choleria!

Nun, Verlegenheit lenkt Dich zu unsich'rem Lächeln,
Zum "Hat er jetzt nicht so gemeint, was?"-Erhecheln –
Jener doofbratzig schleimenden Statuserhaltung:
"Wir sitzen doch alle gemeinsam im Zug ...!"
Mag sein. Nur das schützt Dich halt nicht vor Gewalt, Jung',
Deren Zügel ich hielt – aber nu' is' genug:
Und schwuppdiwupp wird der Herr Anstandsvergesser
Per Watsch'n'Klatsch blutender Tischkantenfresser!

Und itzo, da der Hieb vollstreckt,
Ein Schneidezahn im Tischbrett steckt.
Zwei weitere Beißerchen spuckst Du hervor –
Oh, welch effektiv trefflicher Schlag ins Kontor!
Zu dem hat vergeltend der Herr mich ermächtigt –
Denn, hey, schließlich bin ich erziehungsberechtigt!
Und Zug um Zug wird auch in Zügen mit Zucht
Allzu Verzog'nes zu zügeln versucht.
Denn Verhalten braucht Berichtigung –
Am besten halt per Zichtigung!

Doch windet sich's Opfer vor bitterstem Winseln –
Moralisch gereinigt durch blütigste Pein –
So gilt's, dem Gequälten die Seele zu pinseln!
Dann darf zum Eleven man sanftmütig sein:
"Och, tat er denn sehr weh, mein lehrreicher Dorn –
Der Handstreich, der jäh Dich versehrte im Zorn?
Gut, dass die Buß' uns beider Lohn ist,
Weil Du, Bursch, leider nun mein Sohn bist,
Dessen redliche Reif' mich seit ehedem kümmert –
Und sei's, dass man darum 'ne Zahnreih' zertrümmert.
Ich zahl' ja für den Kau-Ersatz,
Weil ich Dein Vater bin, mein Schatz!"

Nur zählt dentales Schädenrichten
Zu den monetär prekären
Rechnungsstellungsschwergewichten.
Doch was, frag' ich, soll mich das lehren –
Schlag' nie zu roh keen kleenes Kind,
Wenn's schon die zwoten Zähne sind! – ?

Schon grämet mich Dein Zahnfleischgrind,
Den ich in Kauf nahm, zornesblind –
So ward ich Tropf per Kantenklopfer
Gleichsam Täter wie auch Opfer.

Nur, ob ich dafür wirklich zahl' ...?
Erzähl' ich Euch beim nächsten Mal!


Frank Klötgen: Die Trägheit

Die Trägheit

Die 7 Todsünden: Acedia. Die Trägheit (gekürzte Slamversion)

Tiefdämmrig und aufgedunsen
Räk'le ich mich, tonnenschwer,
Unter sonnenfernem Grunsen,
Träg wie ein K.o.labär –
Belle müd', doch unverhohlen:
"Scheißwelt, bleib' mir bloß gestohlen!"
Und dann dross'le ich jed' Schnurzsein –
Mag mich gar nicht echauffieren –
Klemm' den Wutausbruch als Furz ein,
Lass' ihn lautlos rausspazieren ...

Ja, so schmiegt sich das Banale
Willig in das Scheißegale,
Staut sich als Gedankenmüll
Wirkungsfrei im Vestibül.
Nichts an mir wird sich bewegen
Und kein Muskel sich noch regen –
Ich lieg' im Leib so wie im Sarg,
Faul im Staate Gähnemark.

Oh, spotten wir dem Zwangssportiven
In seiner erbärmlichen Zwecklosigkeit
Und lehnen zurück uns im vegetativen
Nervengerüst, der Genüsse bereit!
Denn Schwelgen lässt sich am besten im Liegen,
Und nur Renitenz bremst der Hektik Intrigen.
Ich verklapp' all mein Zappelbedürfnis gelind
Im darmauswärts strömenden, würzigen Wind
Aus Flatulenz und Abstinenzler-Aroma,
Den Zwölffinger faltend, bet' ich mich ins Koma –
Und das soll doch, bitte, genug Tuung sein!
Schon fast wie erschöpft, reduzier ich mein Sein
Um mich gesättigt zu versenken
In das Reich Acedia –
Abgekappt von Stress und Denken,
Sanft zentriert im Wunderbar!

Wär' da nicht die Last des Atmens –
Das jahreinjahrausige Rein und Raus –
Jener ewige Zwang präasthmatischen Darbens
Des Lungen umschlungenen Lüfteverhaus!
Denn gleich, ob er wacht oder kauert im Schlaf,
Immerzu meldet mein Körper Bedarf
An Neuzufuhr von Sauerstoff –
Und nimmer kehrt da Ruhe ein!
Unentwegt möcht' ich "Enough!"
Oder Sinnverwandtes schrei'n.

Ach, dieses Atmen – es strengt mich so an!
Wer, der's statt meiner erledigen kann?
Na, Beatmungsgeräte – ich mein', gibt's die nich' auch
Für Menschen wie mich zum privaten Gebrauch?
Ich würde mir – nur, um nie wieder zu kau'n –
'ne Magensonde selbst einbau'n
Und denke, dass den Krankenkassen
Sicher wär' der Dank der Massen,
Bewilligten sie solch – von mir längst erflehte –
Chillige Lebensrelaxingpakete.

Ich will doch nur Ruhe, entschleunigte Gnad,
Möcht' elegisch erschlaffen, belastungsbefreit,
'nen jed' Hast entlastenden Heilsapparat –
Kurzum, Amnestie von der Körperlichkeit!

Denn soll dieser Wix mein Schicksal sein,
So will ich, Leben: Stelldichein!

Wiewohl doch die Ahnung mich stetig zerfrisst,
Dass Sterben ja auch eine Tätigkeit ist.

Und ich erblick' mit Unbehagen
Allseits Klippen um mich ragen –
Man scheint dem Reich Acedia
Auf ewig unerreichbar nah!

Und wie durchschreitet man solch Tal?
Davon mehr beim nächsten Mal ...

Frank Klötgen: Ein Wintermärchen

Ein Wintermärchen

Ein Wintermärchen

Perlgrau schwimmt der Tag dahin ...
Und verdumpft räkelt stumpf sich ein Restlicht hervor.
Du witterst vernehmlich den Frühlingsbeginn,
Bemehlst Dich mit Eindrucksbestärkungsdekors –
Hörst Dein eigenes Bibbern, der Schneefräsen Röhren,
Doch nichts von dem kann Deinen Glauben zerstören:
Die Glut Deiner Verve ließe Eisschichten springen.
Nicht heute, nun gut, aber bald wird's gelingen!
Wenn wir den Gefrierpunkt erst hinter uns lassen,
Veredeln die Welt wir mit lustvollem Prassen!
Bis dahin wird halt unverzagt
An Birkenrinden rumgenagt.

Aber zwei Tage später ist immer noch Winter –
Dein Frühlingsbeginn ein nur nassforsch entsinnter.
Schon türmen sich die Anheizkosten –
Kaltlufteinbruch aus Nordosten –
Sperrig herrschen ohne Gnade
Nie entschärfte Minusgrade.
Es liegt an der kränkelnden Drehung der Welt,
Dass sich diese Kälte grad derart lang hält!
Du durchforstest nach allen erwärmenden Spuren
Den Nachtfrost und Vortageshöchsttemp'raturen –
Und schläfst dann mit dem Wissen ein:
Schon morgen wird es besser sein.

Doch zwei Monde später ist immer noch Winter –
Und Kälte ist in Deine Knochen gekrochen.
Die Schneeweh'n durchleiden Dich jahreszeitblind, argh –
Frostig erstarrt harrst Du nun schon seit Wochen.
Du wetterst, dass all dies das alles nicht darf!
Und Du bettest Dich rettend in Spätwinterschlaf ...
Aus all Deinen Zellen stöhnt Wetterschikane,
Dringt Stoff für Novellen, vielleicht auch Romane –
Jedenfalls ein Projekt – das erfüllt Dich mit Sinn!
Und so dämmerst Du kühl über Wochen dahin ...

Du wachst auf, es ist Juni – und immer noch Winter.
Dennoch stell'n die im Hausflur das Grillfleisch bereit –
Entrüstet beschwerst Du Dich: "Hey, seid ihr blind, da?!"
Deinem Schlottern trotzt spottend die Leichtgläubigkeit.
Und derweil späte Reife die Scheiben beeisen,
Siehst Du Deine Nachbarn zum Ostseestrand reisen.
Die lassen sich von den Kalendern betrügen!
Dir schaudert's, verschnupft und erkältet vom Welthass –
Du postest: "Das Wetter verbreitet nur Lügen!"
Und niemand versteht's, aber allen gefällt das.
Auch wenn manche Abfuhr Dein Leben beschattet,
Der Aufruhr in Dir weder stirbt noch ermattet.
"So wähl' ich denn eben den ewigen Kummer –
Doch leg' ich mich aufrecht zu seligem Schlummer!"

Du wachst auf, es ist Sommer – und immer noch Winter.
Die Vorräte sind aufgebraucht.
Du schreibst wieder, Text heißt Mein Lebensgeschwind – "Ja ...",
Raunt nickend ein Juror, nickt nochmals und raucht.
Und schmerbäuchig näh'rt sich die Gerwärmanistik,
Bestaunt Deine Kunst, schwärmt von Arktik-Artistik –
Dir Geweihtem verleiht man gleich weitere Grade,
Verleitet zu lauwarmem Vollwannenbade.
Und umschlossen von Schaum lauscht man Deinen Berichten –
Plötzlich komm'n sie in Scharen, um Dich zu versteh'n –
"Im folgenden Text geht's um Wintergeschichten" –
Das Leidende soll sich im Bleibenden dreh'n.
So geht es Dir fortan ums Statuserhalten –
Der Pontius muss als Pilatus erkalten.

Nur nächtens im Traum rennst Du nackend zum Strand,
Und Du machst Dich mit anderen Pimmeln bekannt,
Bevor Du die Touristen disst,
Welch purer Mist ihr Dasein ist!
Und mit wonniger Häme drückst Du runden Buben
Die Sonnencreme aus den Tuben.
Ausdrucksstark machst Du ihnen dann klar,
Dass das für Dich kein Sommer war –
Dass so 'ne brandgegerbte Haut
Nur faul verfärbt und grau ausschaut!
All den Sonnenanbetern verpredigst Du Regen –
Und endlich, ja, endlich wird sich was bewegen!

Du wachst auf, im Oktober, um kleinlaut zu schrei'n,
Nun dürfe es durchaus auch winterlich sein.
Der Spätsommer glüht in Dein schneeweißes Haar –
Du schaust auf ein vollends verlorenes Jahr,
In dem Du, ganz einfach zusammengefasst,
Zu viel von den schöneren Tagen verpasst.

Und käm' morgen der Umschwung zur Normalität –
Für Dich, Jung', wär's jetzt schon ein Leben zu spät!
Du setztest manches rechte Wort
Zu oft an völlig falschen Ort –
So stirbst Du in Verbitterung
Und schiebst es auf die Witterung.

Du wachst auf – schließt die Augen, denn Du weißt: Es ist Winter.
Verhärmt weilst Du im Permafrost.
Du weißt, wie es endet und wo es beginnt, klar –
Doch Anstrich von Reife ist manchmal nur
Rost.


"Holz und die 7 Todsünden" - alle Slamtexte von 2013-2014

Frank Klötgen: Holz und die 7 Todsünden

... Hochmut, Völlerei, Trägheit und 13 weitere Slamklassiker im Orginaltext (u.a. die Gedichte "Die Wollust", "Der heilige Bimmbamm" und "Faust 3: Der Fister") sind in dem Band "Holz und die 7 Todsünden" (November 2014) zu finden. Außerdem 61 weitere (Kurz)Gedichte.

Die letzten 320 Exemplare von "Holz und die 7 Todsünden" können für 18 EUR (inkl. Versand) hier per Mail bestellt werden.

Sobald der Band ausverkauft ist, werden alle 16 Slamgedichte daraus als Texte plus Livevideo (soweit vorhanden) auf dieser Seite veröffentlicht!



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