Frank Klötgen: Meine Stimme


Meine Stimme

Ich werde nun meine Stimme erheben
Mit erhaben bebender Koloratur
Es verstummt und verdimmt alles übrige Leben
In huldvoller Ehrfurcht vor meiner Bravour
Und Erfüllung erfüllt noch den nüchternsten Raum
Flutet hinterste Reihen mit stimmigen Flüstern
Mein Timbre setzt trefflich zum Singflug an, kaum
Dass die Vorahnung schwanengleich ziert meine Nüstern
Dann ertönt Primadonner
Als wenn 500-Tonner
In Kolonnen der Menschheit Vokaltrakt beführen
Da durchdringt jeder Ton
Wie 'ne Oper-ation
Überwältigte schiel'n nach den Notausgangstüren

Noch bis in die obersten Ränge gesesselt
Ist von meinen Stimmbändern jeder gefesselt
Gebannt ob der Grazie der Präzision
Im Kitzel bezirzt vom Vibrato-Gezier
Schon ist meine Stimme nur Stimulation
Und Legato-geglättet, Staccato-bespickt
Wird die Opern-Air mit Resonanz eingedickt
Bis ins Tremolo schließlich ich reintriumphier'

Dass glockenklar säuselnd
Und nackenhaarkräuselnd
Sich zungenzärtlich Schall ergießt
Als Wärmeschwall ins Herz zerfließt
Ein Ohrenmuschelkuschelflaum
Der flauschig, wie durchhaucht von Schaum
Vor schierem Glück verzückt den Saal
Zum blümeranten Lendental
Und ihn, obschon man's anders schreibt
Zu wohligstem Ohrgasmus treibt

Und in solchem Moment nimmt die Welt unsre Hand
Sie erklimmt mit uns Höhen, die keiner gekannt
Plötzlich öffnet sich vor uns ein Klangfarbenmeer
Alles Darben vernarbt, tiriliert frei umher
Und himmelsgleiche Leichtigkeit
Eicht unser Dasein für die Zeit
Da ich meine göttliche Gabe entfalte
Ja, in meiner Stimme, da zeigt sich der alte
Von uns angebetete Schöpfungsminister
Und entgrenzt meine Stimmlage aller Register
Dass ein Gipfelgefühl sich wie endlos verlängert
Die Luft von Dynamik und Reinheit geschwängert

Dann lass ich voller Anmut die Triller versanden
Lass alle Fregatten in Singapur landen
Elegant temperiert und mit Kraft ohne Müh
So dass jeder versteht: "Arien ne va plus!"

Und mit welchem Getös' kulminiert der Applaus!
Ja, mich hier zu erleben, vergrößert dies Haus!
Kaum einer begreift, was da mit ihm gescheh'n
Denn man hat nicht nur zugehört - man hat: geseh'n

Als ich später dann in der Solisten-Garderobe
Mich über mein Spiegelbild selbst stürmisch lobe
Da klopft's - mit zaghafter Schlagkraft, ganz leis'
Ich öffne - und vor mir: ein hagerer Greis
Sagt, indem er es tut: "I-ich möchte nicht stören
Und ahn', dass Sie das nicht zum ersten Mal hören:
Doch mir, der ja nicht grade jung ist an Jahren
Ist solch ein Belcanto noch nie widerfahren!
Ihr Singen hat mich, ich will sagen: berührt
So dass mein ergebenster Dank Ihn'n gebührt!"

"Ja, rührend! Ich rührte Sie? Herzig - und doch
Gäng's mir das Rühren, würd' ich besser Koch!
Den Konservatorien sag ich dann adé
Nenn' Topf und Konserven mein Spielfeld in spe
Statt Disziplin beim Kehlenquälen
Würd' ich ganz einfach Zwiebeln schälen!
All das Raucherkneipen-Meiden
Zittern vor Erkältungsleiden ...
Nee, schnell das Tischlein eingedeckt:
"Hast gut gerührt, hat gut geschmeckt!"
Drei gestrichene Löffel fürs gestrichene A
Sie hab'n ja recht - wie wahr, wie wahr:
Ich sollte für die Leute rühren!

Nun, um das kurz mal auszuführen:
Mir geht's drum, Menschen aufzuwühlen
Hochzureißen von den Stühlen
Sie zu baden in Gefühlen
Die sich weigern abzukühlen
Ich will Dinge verändern und neue gebären
Die ohne uns Sänger nicht vorstellbar wären
Und konnt' mein Gesang das bei Ihn'n nicht entfalten
So könn'n Sie den Blumenstrauß gerne behalten!
Wär mir mein Wirken einerlei
Gäb ich meine Stimme doch gleich 'ner Partei!
Adieu, ich will Sie nicht vergrätzen
Nur so mag ich Ihr Lob nicht schätzen!"

Und ohne ein Wort / Schleicht er sich fort
Doch kurz darauf - greift mich der Spleen
Dass mir der Herr bekannt erschien
Auch wundert mich, wie der Vagant
Den Weg zu meiner Türe fand
Da streift mich die Ahnung wie's Beil vom Schafott:
Der fremde Alte - das war Gott!

Hernieder gekommen von ganz, ganz oben
Mich für den Gebrauch seiner Gabe zu loben!
Wie leer schaut nun mein Schminktisch aus
Ohne seinen Blumenstrauß ...!

Wird er mich jetzt des Hochmuts strafen
Wie andre, die sich mit dem Herrn überwarfen?
Wird mir das Talent, das ich von ihm bekommen
In all seiner Durchschlagskraft wieder genommen?
Ist mein Charisma bald schon verlorenes Ringen
Werd' ich gar verdonnert zum chorischen Singen?
Muss meines süßen Timbres Weichheit
Verschwimmen in der Stimmengleichheit?

Ich erbitte mir Nachsicht, Herr - und hoff' nicht zu spät
Für meine Singularität!
Du segnetest umfangreich mit deiner Gunst
Die aus meinem Kehlkopf entschwebende Kunst
Dass sie die verstecktesten Winkel erfülle
Den Saal, das Theater, die Stadt gar umhülle
Diese Stimme, die auch noch den Kosmos verschlingt -
Bin doch selbst nur ihr Körper, auf der Bühne, der singt!
Und wenn ich Zorn auf das Lob meines Lehnsherren lenkte
Weil ich meinte, es tauge nicht für die Geschenkte
Wenn ich darob gestört deine himmlische Ruh ...
So, vergib mir, oh Herr, nur ...das stand mir auch zu!


Frank Klötgen: Jasmin - Oscargedicht

Innsbruck

Jasmin (Blue Jasmin, Cate Blanchet)

Und wieder wird kein Blue Moon gespielt ...
Man sah ja, wie seltsam die Frau sich verhielt
Die unentwegt plappert und ihr Schicksal erörtert
Seit ihr wirkliches Leben die Pleite zerstört hat
Ihr Mann Hal war ein Trickser - sie selbst nie Komplizin
Nur zweifelsrein treue Champagnernovizin
Eine Anrüchigkeit stand für sie weit außer Frage
Doch rutschte dies Bild vor Justitias Waage
All der Basen und Stabilitäten beraubt
Aus dem Rahmen, an den sie so stolz hat geglaubt

Aus purer Gewohnheit fliegt Jasmin Erste Klasse
Doch nie war die Welt für sie knapper bei Kasse
Dass sie sich bei Schwesterchen Ginger einnistet
Die ihr Leben und Lieben im Tristesten fristet
Die sich Hals über Kopf an Gewöhnlichkeit bindet
Und niemals den Weg zur Persönlichkeit findet

Mit zwei völlig belanglosen Blagen als Erbe
Der Scheidung von Augie, der einst dröge wie derbe
Das Klassenbewusstsein Jasmins torpedierte
Dann die Chance seines Lottogewinns investierte
Weil halt Hal windig hohe Renditen beschwor
War er ein Trottel mehr, der da alles verlor

"Ach, da halt' ich mich raus!" hast du stets kokettiert
Für den Grundstein der Villa dich nie interessiert
Nice try, Blue Jasmin! Leider nur
Kam dir das Leben auf die Spur
Denn dein Hal hat nicht nur seine Kunden belogen
Nein, auch dich immer wieder und wieder betrogen

Alle wussten davon - deine Freundinnen eh!
Nur du hast mit Kräften die Welt ignoriert
So schließ deine Augen, glaub weiter und fleh!
Aber spürst du, wie brüchig der Boden dir wird?

Er wird dich verlassen - schläft mit einem Au Pair!
Zieh den Kopf aus dem Sand, hey, du musst etwas tun!
Der Wall deiner Blindheit hält all dies nicht mehr
Und niemand spielt für dich Blue Moon ...

Hal fand man dann in seiner Zelle erhängt
Von Handschellenfestnahmedramen gekränkt
Der Arme ward schwer angeschwärzt
Von jener, die seine Affair'n nicht verschmerzt
Doch folgte Jasmins Intrigieren / unverwandt das Konfiszieren
Ihres hehren Hab und Guts / des unbeschwerten Übermuts
Noch grad so galantvoll im Extravaganten
Ergibt sich das Bild der zum Abstieg Verbannten
Verstoßen durch das, was sie unlängst verlor
Die Villa, den Schmuck und das Kleid von Dior

Im Strudel der Traumata platzt ihr der Schädel
Und das Durchdreh'n beschleunigend, purzelt das Mädel
In die Tiefe vom Nervenzusammenbruch
Ihr Hirn umweht fortan der Schwefelgeruch
Eines schwelenden Brandes im ruhenden Wahn
Auch Prozac-gebändigt schlingert sie aus der Bahn ...

Sie sucht neues Leben, will wieder studieren
Als Sprechstundenhilfe den Plan finanzieren
Sie setzt wieder Kurs, mag sich selber nicht schonen
Erträgt den Computer und Konversationen
Mit verrohten Idioten aus Schrauberwerkstätten
Die siegesgewiss sich ans Schwesternpaar kletten

Und aus der Nähe zu solchem Pack formt sich dein Nein
Und bestätigt, zu Bessrem berufen zu sein
Ach, du schönst doch schon wieder an deiner Fassade!
Mensch, du checkst doch schon wieder im Wirrnisschloss ein!
Für die Fadheit des Lebens bist du dir zu schade
Doch bahnt sich der Alptraum den Weg durch den Schein

Denn dein Chef trägt ja plötzlich die bunten Krawatten
Weil er, allmachtermuntert, das Wagbare wittert
Er drängt, deine Hilflosigkeit zu begatten
Ein Bruch, der dein tapferes Standbein durchzittert

Und auch Dwight, der dein Glück neuer Zukunft geküsst
Hast du viel zu viel Stil und Noblesse vorgegaukelt
Wie lang hältst du dich dort noch im Lügengerüst
Das schon mächtig in dämmernder Wirklichkeit schaukelt?

Von Chili wird Ginger sich sicher nicht trennen
Mag der auch verlassen im Supermarkt flennen ...
Denn nach ihrer Flucht in 'ne Party-Affaire
Stellt der Neue mal klar, dass er sie zwar begehre
Doch für das bisschen Gepoppe seine Ehe riskieren ....?
So muss sich auch Ginger zurückorientieren
Nein, für sie führt kein Weg aus dem Elend hinaus ...!
Nur Jasmin sucht sich schon 'nen Verlobungsring aus
Sie spürt einfach: Dwight ist der richtige Mann!
Ach, wie schnell sie das Herz seiner Mutter gewann!

Ich liebe Zinn! - Nein?! Ach, das passt ja perfekt!
Schon wird eine Welt voller Gleichklang entdeckt
Besiegelt mit noch einem Kuss. Ja, nach Wien
Will Dwight mit ihr zusammen zieh'n!
So federt, tablettengesättigt, das Glück ...!
Doch kriecht auch Verdrängtes ins Sichtfeld zurück

Der Zufall schickt 'nen bösen Geist
Den schwarzen Fleck, der Augie heißt
Der breitet feist aus, was von Jasmin verschwiegen
Und Dwight muss von Hal und Sohn Danny erfahren
Als Täuschungen, die für ihn derart schwer wiegen
Dass er schnell beschließt, sich die Hochzeit zu sparen

Und schon wieder gerät dir die Welt aus den Fugen
Du stammelst nur flehend ein hilfloses "Nein!"
Du bist neuen Abgründen nahe genug, denn
Es brechen noch weitere Trugschlösser ein
Der verschollene Danny bekennt, dich zu hassen
Er will die Vergangenheit hinter sich lassen

"Verschwinde aus Oakland und aus meinem Leben!"
Erschrocken erstarrst du, mit innerem Beben
Versuchst dich zu sammeln, den Schmerz zu verdauen
Du atmest tief durch, beginnst Nägel zu kauen

Wie oft fängst du dich noch, eh es wieder zu viel ist?
Längst zeigt es sich doch, dass du viel zu labil bist
Mit wem sprichst du denn da ohne Komma und Sinn?
Schon hörst du entfernt ein Blue Moon, immerhin

Und die Frau, der schon wieder ihr Leben entglitten
Sie irrt einsam, mit Schwester und Stiefsohn zerstritten
Durch die Stadt, redet wirr und verstört alle Leute
Als von Demütigungen getriebene Beute
Angestrengt fahrig, mit Gesten voll Wahn

Und dem Drang, sich durch strähnige Haare zu fahr'n
Doch nichts ordnet sich mehr
Und die Welt bleibt verdreht

Und dies findet nur fair
Wer den Drang nicht versteht
Sich zu strecken nach brüchiger Schönheitsidylle

Um all deine Träume senkt sich nun die Stille
In der die alten Melodien
Nur anteillos vorüberzieh'n

Schon sehr weit entrückt, weißt du, tief in dir steckt
Ein eitler Innenarchitekt

Der entwirft dir die Welt und bald kommt's dir so vor
Als trügst du noch immer dein Kleid von Dior


Frank Klötgen: Dem Rauschen

Iphofen Weinfest

Dem Rauschen

Oh holder alkoholischer Rausch
Du mein Hektik-Hirn bettendes Daunengebausch
Du durch Reben verstrebtes Konstrukt von Genuss
Süß-samten strömender Überfluss
Belebend, benebelnd und alles vergebend
Was an Herzweh und Kummer das Leben durchwühlt
Der Dreckrand, die Räude - all das Lahmen der Freude
Wird vom labenden Trank in das Jenseits gespült
Gedämpft und gefiltert vom Wohlgeschmack
Und dem locker beschwipsten "Na, allet im Lack?"
Denn was bräuchte es mehr
Um sein Sein temporär
Von all dem Elend abzumelden
Als ein Glaserl voll Saft
Rauschentliehener Kraft?
Das Hemmungen verhehlende Serum der Helden!

Gegärt mit der Stärke der Stimulanz
Und den Feuerwerkskörpern der Endorphine
Auf zum gleichtgewichtsschwachen, euphorischen Tanz!
Dem Torkeln und Lallen mit glücklicher Mine
Alles Drängen der Welt - es bekümmert uns nicht!
Du tauchst selbst das Dunkel in günstiges Licht
Bist als Tropfen Ration
Schönheitsoperation
Das Botox der Gemütlichkeit!
Holst aus jedem Feste
Kritiklos das Beste
Beträufelst mit Stimmung selbst die lästigste Zeit
Oh, selige Redseligkeit
Mit Schulterschluss und Bruderkuss
Nur neue Freunde weit und breit!
Ja, noch ma ne Runde hier, aber mit Schuss!

Ach, da hinten ist grad einer kräftig am winken
Das sei doch nicht gut und man stürbe vom Trinken
Nun, heißt das dann wohl, ich stürbe nicht
Wenn ich auf Alkohol verzicht'?!
Tja. Aber wär es das wert?
Ist's nicht grundweg verkehrt
Sich gegen den Segen des Rausches zu wehren?
Dem gelösten Erheitern
Dem Bewusstsein Erweitern
Und Bacchus, den Hopfen, Destillate zu ehren?

Wer behauptet nun käsig, dies sei nur 'ne Flucht?
Welch Cretin, der da niemals nach Besserem sucht
Als das schnöde Ich-Ich der ernüchterten Welt
Wo die schale Enthaltsamkeit öd' sich entpellt

Ja, da I-A'n die Fitnessdonkeys
Verbitterte Entgiftungsjunkies
Die Work-Out-Nomaden der Medical Spas
In Bademäntel eingeschweißt
Deren ganze Ernährung entschlackt wurd' vom Spaß
Ohne Personal Trainer gilt man schon als verwaist
Mit Drill gesundheitsoptimiert
Und willig durchdiszi-spleeniert
Da sitzen sie freudlos überm Rausch zu Gerichte
Stetig in Predigt zum strammen Verzichte
Verdammen mit fast religiöser Erbauung
Die unbeschwerte Weltanschauung

Dass ihr trüben Verirrten es endlich kapiert:
Einzig spirituell ist die Spirituose
Hochgeistiger Alkohol desinfiziert
So reinigt die Seele und bringt euch in Pose:
Alkoholu Akbar! Alk is all and the whole!
Schon schummrig erwärmt trink ich auf euer Wohl
Dass man euch von der Präzisions Kühle erlöse
Euer Kleingeist im wachsenden Hochgefühl döse
Dass ihr anspruchsfrei und zweckgestutzt
Diesen Fluchtweg eures Lebens nutzt
Behüte auch euch der allrettende Rausch!
Die Finsternis der Welt zum Tausch ...

Ihr entgegnet: Du weißt selber, wie unreif du bist
Dass Wunsch nach Rausch arg krankhaft ist
Und das rare Geschenk deines Lebens zerstört!?
Jaja, das mag sein - hab ich auch schon gehört
Doch möcht' mein Leben ja nicht neuwertig weiterverkaufen
Sondern nutze die Chance, es mir schöner zu saufen
Und trotz all der Kranken und Kassen Beschwerden:
Das soll mit uns nix Ernstes werden
Mir geht es nicht um Druckbetankung
Bis zur Alkoholerkrankung
Nur
Um den Zauber des Rausches, das Glück und den Trost
Also, ein Hoch auf die Gläser, ihren Inhalt - und Prost!


Frank Klötgen: Das Lahmen

Veranda auf Kauai

Das Lahmen

Herr: Es ist Zeit
Den Ausdruck zu stoppen
Den Toner zu sparen
Und schnell zu zerknüllen
Was mir die Top Twenty der Slam-Poems waren
Und den Pfuhl jener Suhlgrube mit zu verfüllen
Wo glücklich wie duldsam ein Nulpenschwarm gammelt
Und sich drückend der Schulkinderschweißgeruch sammelt
Wo türsteherlos die Beliebigkeit sintert
Und ein Sommerversprechen seit Jahr'n überwintert

Längst gelähmt in Gebärden mit Mundgeruch
Deren zärtliches Werden scheint doch Grund genug
Für den Traum von Durchlüftung des ruhenden Geistes
Du als stets in Entschlossenheit Flüchtender weißt es:
Da sind viel zu viel Tiere im selben Gehege
Ist Wille, ist Wille und doch keine Wege
Ist man ständig auf Flucht vor den prüfenden Blicken
Weil es weiters misslingt, Dinge weiter zu stricken

Eh nun Nachgiebigkeit zu Verlorenheit führt
Dich die Kraftlosigkeit junger Muskeln berührt
Die mit Till-Schweiger-Kampfgeist Folklore betreiben
Oder Mainstreamsud-seiernde Heilssprüche schreiben
Und du duldungsstarr einwirfst, das bessere sich
Solltest du besser fragen: Was zählt das für mich?

Freundchen, öffne die Tür - denn im Haus riecht's nach Abschied
Und man kommt nicht umhin, hier pathetisch zu werden
Befindlichkeitsnähe, von der ich stets abriet
Doch hier kann nur noch Demut den Höhenflug erden
Erst in Paradiesnähe, dann raubtierumschlichen
Scheint weitere Aussicht Applauspflicht gewichen

Von der Zukunft, die wir einstmals hatten
Wurde viel zu viel schon ohne Wirkung verbraucht
Wer soll dir denn je deinen Eifer erstatten
Der all deine Werke wie Schimmel behaucht?
Kein Platz besser als hier, nur: Du musst hier jetzt weg!
Auch ein Aufbruch ins Nirgends erfüllt seinen Zweck

Stimm jetzt nicht deine schwülstigen Kampflieder an
Mit dem magenleidigen Rülpssopran
Von Inbrunst und Wortkunst und Prostatafrust
Von zu dünner Kost, Glutamat und Verlust

Dein krähenfußgerahmter Blick
Lässt das Rascheln naher Funktionskleidung ahnen
Dich prägt jetzt das Schicksal und nicht mehr der Chic
Zu altbacken klingst du beim zähen Ermahnen
Der Onlinebestellungsretourennomaden
Auf Konsensgewissheit verheißenden Pfaden
Die strategisch naiv das Verwirrende meistern
Und einander sich halbgar fürs "voll klar!" begeistern

Du preist den Genuss, mit dem du dich geprügelt
Den prickelnden Schmerz wundgeschlagener Knöchel
Doch auch deine Kampfwut ward unlängst gezügelt
Erspar deiner Nachwelt das Vorspielgeröchel

Was immer jetzt klemmt, wird sich auch wieder regen
Die Welt wird wie immer von selbst sich bewegen
Nur altgedient hat ausgedient
Und was du da hegst, wird nie wieder begrient
Im Haus riecht's nach Abschied, also öffne die Tür
Kein Platz besser als hier, doch du kannst hier nicht bleiben
Wer sich hier verrammelt, muss wissen, wofür
Den Mietvertrag jedes Jahr neu unterschreiben

Wen immer du suchst - er wohnt längst nicht mehr hier
Und das liegt ausschließlich, mein Lieber, an dir!


Frank Klötgen: Die anderen Reiter und der Bodensee

Die anderen Reiter und der Bodensee
Ripostegedicht zu "Der Reiter und der Bodensee" von Gustav Schwab

Tief unten und in Bodennäh'
Harrt auf dem Grund vom Bodensee
Die Reiterschar, die übers Jahr
So durch das Eis gebrochen war

Von Zeh und Huf bis zu den Ohren
Starr'n Ross und Reiter schockgefroren
Hinauf zur milchig strahl'nden Schicht
Wohlwissend: "Manchmal hält die nicht!"

Und jeder, der hindurchgerammt
Schwebt nun zum Zombietum verdammt
Im kühlen Nass, wo nichts verdirbt
Bis er im Frühling richtig stirbt

Wenn Sonnenstrahl die Eisschicht taut
Wird auch der Körper abgebaut
So lange müssen unten warten
Die hier ein Stockwerk tiefer traten

So muss manch Recke nutzlos dümpeln
Im Bodensee und andren Tümpeln

Doch, horcht! Da naht auf seinem Rosse
Vom Ufer ein künftiger Leidensgenosse!

Schon trabt er mit immer leicht schlitternden Tritte
Zum Eingangsbereich der schon knisternden Mitte
Dumpf durchwabert der Schall von dem Todesgalopp
Die zermürbende Stille des Sees, bis dann "Stopp!"

Ein Leichnam namens Bertram schreit
"Ihr Mannen, macht euch mit bereit!
Entreißt eure Leiber des Winterschlafs Betten
Treibt mit mir nach oben, den Knaben zu retten!

Stützt mit den Leibern eurer Rappen
Die Eisschicht, wo sie einen schlappen
Und kläglich tragend Eindruck macht
Und wo's beim nächsten Kleindruck kracht!

Nun, Freunde, was soll ich euch lange behellen
Ihr kennt wohl am besten die heikelsten Stellen!
Vollbring'n wir's mit vereinter Kraft
Dass er's ans andre Ufer schafft!"

Kurz drauf wird die Schicht, wo ihre Deckkraft im Argen
Von den Rücken ertrunkener Pferde getragen

Schon donnert heran das Getrommel der Hufe
Von vorderster Front hört man Jubel und Rufe:

"Es hielt - wir hielten's! Er hat uns passiert!"
Und wenn auch manch Sprung durch die Eisdecke sirrt
Solange die Schutzschicht nur splittert statt bricht
Hält auch noch die Mitte des Reiters Gewicht

Und im Zentrum von alldem hält Bertram sein Ross
Den gefall'nen Gefährten im See nun der Boss
Da der durchschlagskraftmächtigste Tritt auf ihn bangt
Und er nur ruft: "Treffer. Mitnichten versenkt!"

Da schöpfen auch die, die's noch treffen wird, Mut
Zudem dort das Eis mählich dicker wird. "Gut,
Den kritischen Teil hat er nun überwunden
Und bald auch den Weg an das Ufer gefunden

Wo im Schatten der Berge es stärker gefriert
So dass ihm von nun an wohl nichts mehr passiert!"
Da jubelt die Schar und man gibt sich Highfive
Sie tanzen und singen zu "Stayin' Alive"

Doch kommt ein Zwerg hervorgekrochen:
"Just dort bin ich ins Eis gebrochen!"

"Just wo?!" "Nun, er reitet geradewegs hin!
Und dort ist das Eis wirklich dünner als dünn!"

Weh! Niemand traut da gern seinen Ohren
Nur Bertram gibt dem Pferd die Sporen
Und sein treuer Gaul schießt durch das Nasselement
So wie man das höchstens von Seepferdchen kennt

Schon ist's - so sehr strengt es sich an
Gleichauf mit jenem Reitersmann
Wie ein gekipptes Spiegelbild
Dort arglos - da entschlossen wild

Nun wird auch die Gefahr reell:
Den See trifft hier ein warmer Quell
Macht's Eis porös wie Blätterteig
Durchschmetterbar vom kleinsten Zweig

Um zu erkenn'n: Das hält ihn nicht!
Braucht es nicht erst 'nen Testbericht
Auf Verstärkung zu warten, dazu fehlt die Zeit
Also plant Recke Bertram die Rettung zu zweit:

"Wir bleiben stetig unter ihnen
Geleiten sie so wie auf Schienen

Und öffnet sich des Eises Spalt
Geb'n unsre Körper ihnen Halt!"

So ward zum Peak vom Eisschicht-Schwund
Das Pferd dem Pferd ein Untergrund
Bewahrt' es vor dem kühlen Grab
Perfekt getimet im Hucketrab

Dem Highsporn, der nach vorn nur stiert
Wird nicht gewahr, was hier passiert
Schon nimmt er mit 'nem Riesensatz
Im Fließ der Uferwiese Platz

Bloß Pferd und Bertram treib'n zerfetzt
Vom Hufgetrampel arg verletzt
Im eisfrei'n Teil des Sees herum
Wo sie sofort verwesen - dumm!

Denn kaum am Sauerstoff gerochen
Schält sich das Restfleisch von den Knochen
Trotzdem feiert nun stürmisch: "Oh, Bertram, du Held!"
Der Reittrupp Unterwasserwelt

"Siehst du ihn, noch?" "Ja, er erreicht jetzt das Dorf!"
Von den brüchigen Lippen des Boss' blättert Schorf

"Erzähl uns, was tut er?" "Er blickt grad zurück!
Ich denke, allmählich begreift er sein Glück.

Und nun ... bitte, nein! Gott, das glaub ich jetzt nicht!"

Na, ihr kennt ja das Ende vom andren Gedicht!

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