Frank Klötgen: Die Symphonie von der Guten Saite

Die Symphonie von der Guten Saite (gekürzte Slamversion)

Satz 1: Des Streichers Stolz

Wenn ich mein streichzartes Bögelchen führ'
Und mehr wie behauchend die Saiten berühr',
So lausche ich flauschig in Rausch mich und spür':
Dies ist wohl des Daseins vortrefflichste Kür.
Fast kommt der aus Klängen gewobene Flor
Mir nicht wie von Menschen Geschaffenes vor -
Eh'r wie hehrste Sphären verehrender Äther,
Der and'ren verwehrt bleibt - doch mehr dazu später.
Noch soll keine Unbill mein Hinschwelgen trüben,
Noch zeichnen wir Streicher alleine die Welt
Auf Saiten, der'n Schwingung'n vom Üben und Üben
Gesotten sind, dass es den Kosmos erhellt,
Wenn wir unisono die Korpora melken -
Von Genius, Mühen und Sorgfalt genährt -
Und ein Wohlklang erblüht aus dem ewigen Welken,
Der uns Audienz bei den Göttern gewährt
Diese Eintracht im vielstimmig gleitenden Singen
Wenn hingegebungsvoll all die Streichbögen schwingen
Wie im Spätsommerabendwind wiegende Gräser
Und dann ertönt Satz 2: Der Einsatz der Bläser

Wie ein Wettereinbruch, der da stürmt ohne Charme!
Plötzlich herrscht Benjamin-Blümchen-Alarm:
Torööö! Oh, nö - ihr ignoranten,
Groben Bierzeltmusikanten
Von Militär und Ufftata
Mit Froschgesang und Jagd-Trara!
Ihr aufgeblas'nen Backenspacken
Versabbert Eure Lautattacken
Mit rohrblätterröhrenden Dröhnen und Tröten
Wie das quäkende Stöhnen verendender Kröten!
Und mundstückzerdrückt quält sich Luft zum Gelärme,
Das auch noch den wohligsten Wohlklang durchdringt
Und unnuanciert wie vom Blähen der Därme
Schier kakophonisch Idyllen bestinkt.
Mann, ihr versifftet bereits Mahlers Symphonien,
Tschaikowski und den Lohengrin!
Mann, haltet die Klappen - und auch die Ventile!
Ihr Bläser mögt laut sein - wir Streicher sind viele.
So folgt wohl nicht von ungefähr
Satz 3: Des Geigers Gegenwehr

Ihr Hinterbänkler habt gedacht,
Dass Ihr hier ein'n auf Lauten macht?
Wohl, Schergen vom Orchestergraben -
Wollta Ärger? Könnta haben!
So ward - im Namen des Apollo -
Trötentöter ich, jawollo,
Und pirscht' mich an - des Wohlklangs wegen -
Die röhr'nden Hirschen zu erlegen!
Vor meines Klappstuhls Schnappschafott
Verstummten Tuba und Fagott,
Oboen flog'n im hohen Bogen
(weil sie halt nicht so viel wogen),
Um ihre Trompeten beteten
Die dies Getöse säteten -
Doch alle Erben der Schalmei
Wurd'n Blechschrott oder Kleinholzbrei!
Zerbrochen die Flöten, peu-a-peu'chen,
Bestenfalls noch Piccolöchen!
Und den Bogen empor, deklamier' ich den Sieg
Vom Widerstand - und der Musik!
Doch nun macht das Ensemble, zu dem ich gehört',
So voll theatralisch auf Wir sind empört!
Gar strafend starrt mein Dirrigent,
Weil irgend'ne Flötistin flennt.
Ach, Undank ist der Welten Lohn –
Und unsanft greift zu mir auch schon
Ein Sicherheitsmann, der mir kundtut, ich würd'
Vollzugsbeamtlich abgeführt,
Bekäm' zudäm, Schockschwerenot,
Noch lebenslanges Hausverbot.
Nun, schafft dies Stück hier noch die Wende?
So hört die Coda: Happy Ende

Denn nach einer Nacht, versenkt in Sorgen,
Lese ich am nächsten Morgen
Im Schlagzeilentau des Lokaljournalismus:
"Schwerer Fall von Vandalismus"
Im Konzerthaus, da wütete, so sagt der Bericht,
Ein irr geword'ner Bösewicht.
Doch am Ende des Artikels steht - oh, Triumph ungeahnt -
Was mir zeigt, dass ich doch zurecht nicht gewichen -
Dass all die Konzerte, die im Hause geplant -
Sie würden auf unbestimmt komplett
Gestrichen.


Frank Klötgen: Der Paukist

Der Paukist (gekürzte Slamversion)

Ja, und dann bin ich eben Paukist geworden ...
Vergiss es, Freund, dafür kriss' hier keene Orden!
Weil du nur der Anderen Schlagschatten bist,
Den man leicht auf Konzerttour am Rastplatz vergisst.
Nun, die anderen form'n Rudel
Mit ihrem Gedudel:
Den Bläser belässt man ihr blasiertes Clübchen -
Die Geiger hingegen ein eigenes Grüppchen.
Und dort gut integriert ist ein jeder Solist -
Da Du meist einfach solo bist!
Und wo andere fesch sich ihr Star-Sein ergeigen,
Sollst Du nur für's Dasein Dich demütig zeigen!

Ich red' das nicht schlecht - man ist halt der Paukist.
Und der weiß, dass das Leben oft ungerecht ist.

Ich steh', von Trommeln eingekesselt,
Vorm Publikum, das, feist hingesesselt,
Schon schwelgt in den Sümpfen symphonischer Welt.
Nur ich verbleib' statisch, bereitgestellt.
So wart' ich hier artig und introvertiert,
Derweil ja in mir purer Rhythmus pulsiert.
Allzu oft drang vom Rang schon der Spruch in den Graben:
"Guck Dir den an! Den Job möcht' ich auch mal gern haben!"

Mitnichten ist's so, dass mir, ehrlich gesagt,
Die Spärlichkeit meines Dazutuns behagt.
Denn so stoisch ich harre, so rauschlos der Schauer
Einer klanglich belanglosen Kurzeinsatzdauer.
Wenn filzkopfgeklöppelt, mit gedämpftesten Ton,
Ich treulich traktiere mein Membranophon,
Um die Wunder, die andere munter servieren,
Mit mumpfdumpfen Wummern zu unterminieren.
Und kaum, dass der Wind meiner Wirbel verraucht -
Kolportiert wer: "Na, dös hätt's nu aa net gebraucht!"

Ich red' hier nichts schlecht, ich bin halt der Paukist.
Und der weiß, dass das Leben oft ungerecht ist.
Aber auch, dass der Ratschlag nicht allzu viel taugt:
"Na, hätt'st vielleicht besser Klavierspiel'n gepaukt!"
Denn betracht' ich den Rest des Ensembles verstohlen,
So erscheint mir ihr Treiben oft wie Kapriolen
Von genügsamen Welpen, so gelöst wie possierlich -
Da bin doch ein viel, viel, viel größeres Tier ich,
Das drachengleich mit einem Schlag
Mag richten über Nacht und Tag.

Denn versenk' ich die schlägelbeschlagenen Hauer,
So macht dieser Hit nicht nur einmal kurz Aua!
Wenn Schlag auf Schlager die Felle erdröhnen,
Wird dies Euch Versager komplett übertönen!
Ganz ohne Schrei'n ist Oskar dann
Gehörig stör'nder Ballermann!

Schon immer lag's in meinen Händen
Die ganze Euphonie zu schänden!
's scheint selbst die Macht des Dirrigenten
In Schlagkraft deutlich different, denn
Klar, hat der Herr dort ein Stöckchen dabei -
Doch ich habe derer dann immer noch zwei!

Bedarf es Euch Kletten noch weit'rer Betonung?
Es rettet den Abend nur meine Verschonung!
Denn vergäß' ich zu zähm'n die Zerstörungswut,
Bekäm' dies dem Gehör nicht gut!

Nun gut, nur zur Beruhigung:
Glaubt mir, zu derart Übersprung
Verschlägt mich nichts, oh nein, ich glänz'
Mit ausgeprägter Resistenz!

Im Kesselgulag steh' und wart' ich -
Geduldig, duldsam und schlag-artig,
Verkaufe weiter unter Wert mich,
Bleib' im Einklang und konzärtlich.

Nein, ich spiel mich nicht auf hier - ich sag nur, wie es is', denn
's wäre fairer sie achten mal auf den Paukisten.
Dessen Klasse sich am Unterlassen bemisst
Und so verschont er die Welt, die doch so ungerecht ist ...


Frank Klötgen: Margaret Thatcher - Oscargedicht

Leipziger Buchmesse

Margaret Thatcher (Die eiserne Lady, Meryl Streep)

Misses Thatcher wird unerlaubt Milch kaufen gehen
Das von ihr stramm gestaltete Königreich sehen
Wie's sich ohne Respekt vor die Boss-Lady drängelt
Die resignativ weder aufbraust noch quengelt
Sondern altersmild - weil schon bedeutungslos - aufweicht
Und erkennt, dass am Ende ihr Ehrgeiz nicht ausreicht

Denn wer nur stur den eignen Weg geht
Wird am Ziel alleine sein
Niemand kann, da sich die Welt dreht
Wirklich ewig Sieger sein

"Mom, du kannst nicht mehr allein hinaus!
Das war doch längst so abgemacht?"
Der Taumel der Erinn'rungsstaus
Hat den Rest ihrer Welt durcheinander gebracht
Sie reißt sich zusammen, "shall we dance?" fragt ihr Mann
Und dann reist sie zu Stätten, wo all dies begann

Schier unbeschämt trug sie das Joch der
Provinziellen Krämerstochter
Und stampft die vor Kampfeslust brennenden Zähne
In die träge, morastige Männerdomäne
Der törichten Tories Parteipolitik
Die ihr wackeres Gretchen viel zu lange belächelt
Als ein Dienstmädchen, das sich im Tonfall verstieg
Dessen Bärbeißigkeit bald geschlechtsbedingt schwächelt

Doch Miss Thatcher wird zielstrebig Milch kaufen gehen
Sich des Parlaiments Houses von innen besehen
Sie ministriert vom Frau'ngebiet
Sich schnurstracks in die Downing Street
Und überstrahlt im blauen Kleid
Der grauen Herren Herrlichkeit
Mit stählern onduliertem Haar
Die Perlen - nicht verhandelbar!

Als ein handtaschentätschelndes Teatime-Klischee
Steht sie unumstößlich zu dem, was sie will
All das Tantige ist nur ein Grantig-in-spe
Da ihr hastiges Stimmchen, so schneidend wie schrill
Tönt sich jäh in die Höh bis zum Absprung vorm Kreischen
Um den letzten Cretin das Gehör zu zerfleischen

Denn irgendwer muss das Unsagbare sagen
Und wer nicht rentabel ist, soll auch nicht klagen
Sondern arschtrittbewegt seinen Lebenslauf würzen
Misses Thatcher wird drastisch die Milchration kürzen
Und mit provokantem Prinzipismus
Zügelt sie vom hohen Rosse
Den Malocher-Chauvinismus
Alternder Gewerkschaftsbosse
"Nennt mich, ihr Brüder, bittesehr
Ruhig Bitch of England - i don't care
Werd' mit cooler Mine eure Coalminen schließen
All das Labour-Gelaber soll mich nicht verdrießen!"
Selbst in Bürgerkriegsnähe bleibt Maggie dabei
Dass die Medizin bitter, doch notwendig sei

Auch kein Zornstreich der IRA kann sie so treffen
Nicht bereits aus den Trümmern die Losung zu kläffen:
"Wir werden den Schurken um keinen Zoll weichen!"
Kurz Flaggen auf Halbmast - das soll dann auch reichen
Denn dass jeglich Unrecht ungerächt bleibt
"Das ist, wo uns Schwäche hintreibt!"
Schon zimmert sie Vergeltungsschläge
Zum Geschnurr der Sargholzsäge
Und, ja, niemand wird die Falklandinseln
Je von Englands Falkplan pinseln
Alles bleibt britisch und zermürbt stoppt der Streik
Und Mag kassiert ein Doppel-Like

Doch wer immer nur stur den eignen Weg geht
Wird am Ziel alleine sein
Niemand kann, da sich die Welt dreht
Scheinbar ewig Sieger sein

Zwischen Oxford-Stress und Ochsentour
Kann den Kreis ihrer Lieben sie nur halbwegs umrunden
Den Mann, die Kinder sieht sie nur
In den nicht an den Ehrgeiz verfütterten Stunden

Also, Maggie, shall we dance?
Sprich dein Mantra, letzte Chance!
Es wird einsam um dich und um deine Prinzipien
Das Verständnis wendet sich ab von dir
Doch du setzt auf Konfrontation statt "Vergib ihn'n!"
Kompromisslosigkeit als privates Plaisier
Du wirst nicht gewinnen, Mag, diesmal nicht
Die Triumphe verrinnen, auf die du erpicht
Werden grau mit der Zeit und umarmt vom Vergessen
Trotz der Standhaftigkeit, auf die du so versessen

Wer kennt in einst loyaler Runde
Noch das Wörtchen "obstinat"?
Die Opportunen plan'n im Grunde
Lange schon den Hochverrat
Du kannst weiter dem Pöbel die Milch vorenthalten
Und als sinkendes Schiff deinen Standpunkt verwalten
Bloss im großen Britanien ist für sowas kein Platz mehr
Und ein Rücktritt erspart dir noch größere Patzer

Du lehrtest ein Heer dich zu fürchten und hassen
Nun hat selbst dein Dennis dich letztlich verlassen
"Du kannst doch nicht ohne Schuhe geh'n!?"
Dein Protest kommt zu spät, es ist längst schon gescheh'n

Irgendwann verwebt sich die Welt in das Gestern
Nivelliert sich jed Aufruhr in ebene Flächen
Wo brühwarm und ungesühnt Schwächlinge lästern
Und Eisen sich windet im mählichen Brechen

Gardinengedämpft irrt ein Blick durch die Welt
Mit 'ner Ahnung vom Draußen, die Miss Thatcher missfällt
Diese Sturheit - von keinem Arzt niederzuringen
Und zu Unbeugsamkeit will sie sich wieder zwingen

Misses Thatcher wird unbeirrt Milch kaufen gehen
Die Welt, sie mag sich weiter drehen
Und trägt hart am Gepäck ihrer ruhmreichen Taten
Lässt auch deren Sinn sich nun kaum mehr erraten
Ein aalglatter Brutus tritt statt ihrer ans Steuer
Und die Milch scheint wie jedes Jahr doppelt so teuer


Frank Klötgen: Nina Sayers - Oscargedicht

Elbsandsteingebirge

Nina Sayers (Black Swan, Natalie Portman)

Du bist der perfekteste Schwan, Nina!
Stiebt auch ins Idyllne des Lebens Intrige,
Bleibt Deine Verwandlung im Plan, Nina!
So stirbst du denn schließlich im höchsten der Siege.

Reut oder freut Dich das jähe Vergehen
Einer, die von der Spitze ins Eis eingebrochen?
Kannst Du Dich schon in ihren Fußstapfen drehen?
Du bist ihnen emsig entgegen gekrochen.

Kapp Dir knapp Deine Nägel in Mamas Nest,
Denn das Rosa der Haut - es muss unzerkratzt scheinen.
Eine Hand wird zur Kralle, sobald man sie lässt.
Hör wie plüschentwachsene Stofftiere greinen:

Da ist Blut in Deinem Schuh, Nina -
Du bist nicht die Richtige für diese Rolle!
Man sucht das Prinzesschen, doch Du, Nina,
Bewahrst Deine bestens bewährte Kontrolle!

Schaffst Du es, vom Ufer Dich abzustoßen?
Gibst Du Dich hin dem schwarzen Kleid?
Deine Lippen sie tragen die Farbe der Großen -
Auf Kosten Deiner Ehrlichkeit.

Sieh dort im Spiegel die Undankbarkeiten!
Wo ist nur Mamas Mädchen hin?
Möchtest Du Deinen Weg via Kränkung erstreiten,
Entnabelt für den Neubeginn?

Stetig verrät Dich der Schorf auf dem Rücken -
Es nährt ihn die Zerrissenheit.
Lässt der garstige Zwang sich durch nichts unterdrücken -
Bist du wohl zu alldem zu wenig bereit!

Königin könntest Du sein, Nina -
Also öffne die Flügel fürs dunklere Ich!
Im Nest war's behaglich und rein, Nina -
Nun entzieh Dich der Welt, die gewacht über Dich!

Wart nicht auf ein Morgen im alten Leben!
Alles, was jetzt geschieht, das entlockte Dein Ehrgeiz.
Der hat Dir seit jeher Kontrolle gegeben,
Doch nun liegt im Schwindel der Hingabe mehr Reiz.

Spür das fedrig Leichte der Abgründigkeit,
Neue Lust im Urinduft der Nachtclubtoilette,
Treib ins Leben und zeig Dich zu allem bereit,
Zerreiß Dir die Zeh'n für die Prachtpirouette,

Die Deinen Durchbruch markiert, Nina -
Und endlich entschwebst Du dem neidenden Reigen!
Noch scheinst Du uns etwas blockiert, Nina?
Du spürst die Verwandlung - kannst Du sie auch zeigen?

Macht das Licht wieder an - hier wird noch geprobt!
Denn die zweite Besetzung, sie steht immer bereit
Und Ersetzbarkeit wird nicht vom Erdball gelobt.
So gebär Deinen Zwilling und stell dich dem Fight!

Gib niemals zu, dass der Druck Dich vernichtet,
Sondern zwing dich, die Augen in Blut einzutauchen!
Du hast Deine rosige Heimstatt vernichtet,
Um als schwärzeste Schwänin zum Angriff zu fauchen.

Da tropft Blut von Deinem Kleid, Nina!
Dreh Dich wie im Trance zu des Publikums Tosen,
Genieß es als Lohn für Dein Leid, Nina,
Lass Dich von dem Beifallssturm zärtlich umkosen!

Der Spiegelsplitter steckt in Dir.
Doch du hast es gefühlt: Es war alles perfekt.
Die ganze Welt steht Dir Spalier,
Hat den flatternden Traum eines Lebens geschmeckt.

Du warst der perfekteste Schwan, Nina -
Doch wird Dein Triumph hier im Siege versiegen.
Du hast Deine Chance nicht vertan, Nina -
Das Sprungtuch, es fing Dich. Und nun bleibst du liegen.


Frank Klötgen: Die Hagen-Klage

Worms

Die Hagen-Klage

Hagen, oh Hagen - welch hässlich Betragen!?
Dir bleibt zwar das "Sehr Gut" in Leute-Erschlagen -
Doch kannst Du mir sagen, was das hier jetzt soll,
Du notorisch grimmer und grollender Proll
Aus der B-Prominenz der burgundischen Garde?
Ey, ich mag das kaum glauben - hast Du wirklich jetzt grade
Dem Bübchen von Etzel den Kopf abgeschlagen?!
Was? ... Dich nerven halt manchmal die Hunnensohnblagen!?
Klar, und schnell noch den Erzieher entsprechend verkürzt,
Nen Spielmann per Handschlag ins Unglück gestürzt ...
Wenn Du einen Schlaganfall kriegst, werter Hagen,
Endet manch Körper bald knapp überm Kragen!
Und dann tönst Du vortrefflich: "Jetzt leg ich erst los!" -
Legst Tonnen Innereien bloß.
Das fanden die Nazis zwar knorke wie Bolle -
Doch mir scheint, Du hast Dich nicht unter Kontrolle!?
Woher stammt Deine Lust an der anderen Autsch?
Magst Du drüber reden? Hm? Da steht die Couch.
Zuallererst sag mal: Wo liegt eig'ntlich Tronje?
Ach, das ist eine Grafschaft von Testosteronje -
Ein Landstrich, wo sich stets verbarg
Ein menschenschlag'nder Menschenschlag ...?!
Sag, hat auch Vater Aldrian Dich öfter geschlagen -
War ihm Bruder Dankwart der töftere Hagen?
Hat Mama Dich nicht richtig aufs Töpfchen gesetzt?
Und da damals schon Hass ward gesät, hasse jetzt
Ständig Beef? Junge, ich frag mich: Sind Deine Hiebe
Bloß schief eingesungene Schreie nach Liebe?
Schon alleine, wie Du unsern Gunther umgurrst
Als treueste Vasallenwurst -
So pflichtergeben, ritterlich!
Ey, Hagen, komm - ich bitte Dich:
Für den musst Du Deinen Input aufs Schwert reduzieren
Und Innere Werte aufs Torso-Tranchieren!
Fühlst Du Dich dort im Wormser Land
So als Person auch anerkannt?
Ja, kaum sprech' ich es an, stehst Du voll unter Dampf!

Übersprungshandlung: Reiterkampf!
Schnell zu den Buhurten spurten,
Lanze greifen, Helm umgurten -
Heidenspaß, wenn Schilde krachen -
Garstig schauen, schallend lachen ... Hargh! Hargh! Hargh!

Nun zurück zum Ernst des Lebens -
Kerl, sonst war unsre Sitzung heut völlig vergebens!
Was gar nicht zu bekritteln is',
Dass Du ein 1A-Ritter bis' -
Nur diese ewige Mordlust, Dein Geifer, die Wucht
Schein'n mir wie Symptome von Eifersucht.
Ich weiß, du verneinst es gern wild und entschlossen:
Doch bist Du ein wenig in Kriemhild verschossen?
Es fehlt nur an Wortschatz, dies auszudrücken -
Und so schaffst Du bei and'ren halt Platz überm Rücken.
"Hä, was ey?! - das kannst Du jetzt gar nicht versteh'n?
Na, ich fass mal zusammen, was bislang gescheh'n:
Zunächst missbrauchtest Du schändlichst Kriemhilds Vertrauen,
Um in ihren Gemahl einen Speer zu verstauen:
Auf die einzig verwundbare, tödliche Stelle
Von Siegfrieds durch Drachenblut steinharter Pelle
Hat sie Dir ein Fadenkreuz gesetzt,
Durch das Du ihr'n Mann und dann sie hast verletzt.
Nach dem Mord hast Du flugs ihren Hort noch verschenkt
Und in den Rhein hinein versenkt.
Siegfrieds Schwert steckt seither schick bei Dir in der Scheide,
Auf dass die Kriemhild rischtisch leide...!
Du gönnst ihr nicht den zweiten Gatten,
Magst den'n keen Besuch abstatten ...
All dies "Etzel, nee!" und "Kriemhild, bäh!" zeigt mir, sofern's nicht Feigheit ist,
Dass Du ihr zugeneigter bist
Als Du ... Was ist mit Dir, Hagen, Du zitterst?! 'N Krampf?

Übersprungshandlung: Reiterkampf!
Schnell zu den Buhurten spurten,
Lanze greifen, Helm umgurten -
Heidenspaß, wenn Schilde krachen -
Garstig schauen, schallend lachen ... Hargh! Hargh! Hargh!

Noch mal zurück zum Thema Liebe.
Nun, lassen wir Kriemhild mal weg - gut, da bliebe
Noch Volker. Der Fiedler! Dein Lieblingsgefährte -
Der doch etwas unkritisch von Dir Verehrte.
Von Anfang an prägt das gemeinsame Reisen
Ein krankhafter Drang, sich als Held zu beweisen:
Den Fährmann enthaupten, den Paster ertränken,
Das einzige Schiff für die Rückfahrt versenken.
Dann mit Volker so voll cool vor Hof provozieren
Und neckisch des Etzels Dezenz kommentieren
"Feigling!" - denn, hey, Ihr wollt noch eskalieren,
Hier und da wen massakrieren,
Euch brüderlich im Kampf beistehen,
Hurtig Hunnen niedermähen ...
Du lobtest nun schon - ungelogen -
Wohl zwölf mal Volkers Fiedelbogen.
Und mit dessen Kampfwut fühlst Du Dich so symbiotisch -
Vielleicht auch ein Fitzelchen homoerotisch?
Treibt Euch die Angst vorm Coming-Out,
Dass Ihr so eifrig rammt und haut?
Zerstückelt Ihr im Schwerterfight
Nur unterdrückte Zärtlichkeit?
Und statt als liebende Musen müsst Ihr Euch gebärden
Wie die derbsten Prolls auf Erden?!

Wo ist Deine verwundbare Stelle, Hagen?
Wart, als Dein Psychiater kann ich das wohl sagen
Und näh Dir ein Kreuzchen - Du kennst solch Methoden -
Auf die taube Verbindung von Resthirn und Hoden.
Du sonnst Dich im Selbstgefall'n "Weil ich es kann!" -
Hältst Dich für den rühmlichsten, kraftvollsten Mann
Du huldigst dem "Ehre und Blut"-Ideal -
Doch Tschuldigung, Hagen - das ist nicht normal!
Wer wehrlose Kinder noch munter zerdrittelt,
Der scheint mir doch minder- bis unterbemittelt,
Brutal verspult und widerwärtig -
Ja, einmal kurz durchatmen, ich bin noch nicht fertig!
Die Kampftreue, die Du Dir zu Tugend erhebs' -
Das ist der Nibelungenkrebs!
Dies schmierige im Pathos Suhlen,
und als ein Held herumzuhoolen ... -
Denk nicht, dass die Nachwelt Dich dafür begnadigt!
Zwar ham Dich die Nazis mal stalinbegradigt -
Doch wer in Kampflust versteift, der verlässt diese Welt
Als ein elender Abschaum - nur niemals als Held!
Und es führt auch kein Fluchtweg aus diesem Gedicht.
Und 'ne Übersprungshandlung - die rettet Dich nicht!


Frank Klötgen: Der spätbarorokokoschokrokoladile wolkenumwobene speckige Putto

Davos Walhalla-Bar

Der spätbarorokokoschokrokoladile wolkenumwobene speckige Putto

Oh, Du spätbarorokokoschokrokoladil-
er wolkenumwobener speckiger Putto,
Dort im Harfen- und Engelstrompetenfanfar'nspiel,
Hör: Ich darbe am irdischen Daseinsdreckbrutto!

Ist denn netto für mich noch ein Plätzchen dort oben
Im Seraphim-Cherubim-Engel-Gedränge?
So nutz' ich die Restzeit, frohlocken zu proben,
Das "Luja!" zu schrein, Hosianna-Gesänge.

Du und ich, Du, wir werden uns prächtig versteh'n
(sofern dies nicht jetzt bereits unlängst gescheh'n),
Denn scheint meine Schulzeit auch recht weit entfernt -
Ich hab da mal neun Jahre Englisch gelernt.
Diese bis zur Entrückung beglückende Sprache!
Wie verirrt wirkt ihr schier irisierender Rhythmus
Inmitten der klanglos belanglosen Brache
Des fitnessverbissenen Frühklassizismus,
Der auf Inbrunst verweigernder Grätendiät
Alle himmlische Pracht und Ornate verschmäht!

Welch Balsam ist da die Gesamtsinnlichkeit
Deiner lausbubkeck-rosigen Pausbäckigkeit!
Du, als leibhaft-beseelende Lichtgestalt,
Erspar mir dies Diesseits! Wenn möglich, alsbald.

Ich will Rokoko statt Rohkost-Flow!
Will Goldbrokat statt Brokertratsch,
Statt Mailterror Rocaille-Dekor!
Gib meiner barocken Barhocker-Sehnsucht ein Nahziel,
Du spätbarorokokoschokrokoladil-
er wolkenumwobener speckiger Putto!

Egal, wie man's rechnet - ob netto, ob brutto,
Es zeigt sich: Ich komme hier unten nicht weiter.
Und da mein bisschen Legende schon rinnet dahin,
Gilt mein Paternoster der Jakobsleiter -
Die gäb' meinem Leben erhebenden Sinn!

Oben robbt' ich dann durch Wolkenflausch,
Durch cumulust'gen Dunst mich empor,
Beschwingt vom ersten Manna-Rausch,
Zur Eckfahne vom Himmelstor,
Wo in schwungvollen Posen am Bildausschnittrande
Tummeln sich die Puttogrüppchen
Wie 'ne quirlige, handzahme Meerschweinchenbande,
Ein kindlich ergebenes, fröhliches Clübchen,
Welches mondköpfig lächelnd und entzückend verzückt,
Lockig gescheitelt, insignienbestückt
Mimt den Babyface-Fanclub der Erzengel-Helden
Die da mahnen und warnen und Großes vermelden.

Na, es ist die Cloud ein artenreicher
Engel- und Zierratespeicher!
Doch mir schwebt nur ein Dasein als Putto im Sinn -
Ich denk', von der Größe kommt's auch besser hin.

Ihr schwebt so spielerisch leicht, so erlöst wie pomadig,
So spätbarorokokoschokrokoladig,
In nackiger Unschuld und arglosem Spiel,
So bürschchenhaft pummlig, geschlechtslos-subtil,
Ganz barbrüstig und unbehost,
Nur sittsam von 'nem Tuch umkost.

Gerne winde auch ich mich in vergoldeten Fleece.
Doch was ich diesbezüglich bewund're, ist dies:
Dass, so tänzerisch auch Eure Posen,
Ihr zeigt Euch stets auch ohne Hosen
In alles bedeckender Züchtigkeit -
Ein Punkt, wo Ihr echt tüchtig seid!

Denn, sorry, dass ich das jetzt so direkt sage,
Bei mir ist es so, dass in jedweder Lage
Mein Togatuch zur Seite rutscht
Und das Gemächt ins Freie flutscht,
So dass sich mein Anblick verkürzt, gar verroht zum:
Entglittenem Glied über pendelndem Skrotum.
Schaut's Publikum dann himmelwärts,
Sieht's immer nur 'nen Pimmelscherz.

Ja, das ist das Los des Slam-Poeten:
Er mag zwar große Sprüche beten
Und in huldvoller Ehrfurcht nach Höherem streben -
Sein Körper weiß, in diesem Leben
Kürt die Jury Spleeniges
Und Unter-Gürtel-Linieges
Also leiert er von sich das alte Geschwengel
Und feiert den Sieg als gefallener Engel.

So entgrenzt unser Streben nach irdischer Gunst
Sogar noch des Rokokos Ausstattungskunst.
Doch jedes Stück, das überschmückt,
Zum End' Dich wieder niederdrückt.
Denn wer mit Entblößung sein Textfeld bestellt,
Der erntet kein Wort zur Erlösung der Welt.
So muss man weiter unten bleiben
Und muntermüde Schundzeug schreiben.

Dass ich dessen bewusst, trotzdem unverdrossen
Und herzhaft entschlossen
Nach all Deiner Gnad ziel',
Du spätbarorokokoschokrokoladil-
e, himmelhochjauchzende Luftgestalt,
Ist, weil ich gelob' mich zu bessern, ja wirklich, schon bald -
Ganz sicher in den näxten Täxten!
Da halt' ich bedeckt, was man besser versteckt,
Schreib' 'ne Spur eleganter, im Worte gewandter,
Dass ich ohne Mätzchen und Weh mich dann kleid'
Für's Plätzchen in der Ewigkeit.
Denn Slammer sein ist nicht so schwer - but to be a putto sehr!



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