Frank Klötgen: Der Hummelfluch

Der Hummelfluch (gekürzte Slamversion)

Hör' ich den Rimski-Korsakow
Beginnt's zu jucken und ich hoff'
Dass keine Hummeln in der Nähe sind
Wenn schon duellieren
Besser nicht mit kleinen Tieren
Weil da Sympathien vorab vergeben sind
Denn nur Allergikern und Blagen
Zeiht man moralisch das Erschlagen
Vom gelb und schwarzen Fluginsekt
Na, selber schuld, wer das nicht checkt

"Ich drück' zart der Zichte ihr'n glühenden Stummel
Ins Rückgrat 'ner grade hier ruhenden Hummel
So zermalmt nun den Korpus der Schwirrkreatur
'ne Kombi aus Druckkraft und Temperatur
Und knisterig ascht das Flügelpaar
Das Leben entbeugt sich dem Hummelabdomen
Solch Endlichkeitszeugnisse gehen mir nah
Leicht bedrückt blick' ich auf die Erdrückte, denk': "Yo, man
Ey, sorry, ne – is' sons' echt nich' meine Art
Allzu gern hätt' ich dir die Tortur wohl erspart
Doch war halt 'ne echt blöde Koinzidenz
Auch wenn du – als Insekt – dieses Wort gar nich' kenns'
Das is' eb'n der Punkt: diese Sache mit Darwin
Für mich hier als Mensch dich zu töten, das war wie'n
Gruß an den Schöpfer, sich zu re-vergewissern
Sein Ebenbild degeneriert nicht zu Schissern
Die trotz Krönungsjuwelen der Evolution
Schon bei etwaig'n Nachfrag'n sich selber entthron'n
Statt eindrücklich ausdrücklich Ordnung zu schaffen
Mit Nachdruck für die, die's wohl ohne nicht raffen:
Wir sind keine Fauna-Fans!
Wir sind Homo Sapiens!"

Nun kam es, dass der Hummelschwarm
Vom Tod der Imme Wind bekam
Der argumentativ sich nicht erschließt
Die Nektar-Queen schlägt Vollalarm
Steht eh nicht auf den Schöpferkram
Der Gliedertier'n ihr Daseinsglück vermiest
Erklärt's zur ausgemachten Sache:
Jetzt geht's um Widerstand und Rache
Und man verschreibt sich Zug um Zug
Der Oper-Ration Hummelfluch

"Hier wohnende Drohnen und Arbeiterinnen
Wir Hummeln sind hammlos – und doch in mir drinnen
Brennt unbändig endlosbittre Wut
Denn ständig man uns Böses tut
Wieder traf's eine, die Brut unsrer Sippe
Qualvoll verkohlt an der Glut einer Kippe
Ja, der Typ, der da grad Rimski-Korsakow flötet
Hat nur so aus Spaß unser Mädchen getötet
Ich denk', wir sollten solchen Assen
Nicht einen Abgang durchgeh'n lassen
Der Mord darf nicht für umme sein
Drum auf, ihr Immen, zeigt's dem Schwein!"
Und fünf of le grüpp, sie formieren ein trüpp
Der vom Auftrag beflügelt sich vorwärtsbewegt
Richtüng ex-zichtenrauchende, flötende Büb
Dessen Willen zu chillen sich plötzlich erregt
Doch kaum spreizt sich sein Maul, um "Haut ab hier!" zu schrei'n
Flieg'n ein, zwei, drei, fünf Hummeln rein

Das macht sich toll als Rächers Traum:
Voll stechbereit im Rachenraum
Wo jeder Stich sich schädlich potenziert
Denn 's wird ja, wenn der Hals anschwillt
Die Luftzufuhr mit abgestillt
Des Lebens Rest in Bestzeit dezimiert
Nun kann solch Hinterlassenschaften
Zwar der Gestoch'ne auch verkraften
Doch spricht's aus seinem fahl'n Gesicht
Zumindest diesmal schafft er's nicht

"Junge, Junge – wat schwillt mir die Zunge
Krieg' fast keine Luft mehr!" – Er kommt seiner Gruft näh'r
Und bevor sich das Blatt hier nun doch noch mal wendet
Ist unser gestochener Held – och – verendet
Auch was vordem im Schlund gesummt
Alsbald verhallt es und verstummt
So bleiben die fünf Hummel-Märtyrerinnen
Zwar sehr effektiv, aber leider auch: drinnen
Und eh der Typ komplett abkackt
Versumpft man im Verdauungstrakt
Im Darm vom Leichnam überwintern
Alle Hummeln kurz vorm Hintern

Die Königin spricht: "Lob und Preis
Den Fünfen, die ihr Leben gaben
Und ihren Platz im Paradeis
Nebst Drohnen-Harem sicher haben
Denn unser hummlischer Vater sorgt bei der für Profit
Die sein huldhaltig' Reich durch die Märtür betritt
Mög'n diese Fünf uns Hummeln ein
Auf ewig leuchtend Beispiel sein!"
Und so beschließt sie den Hommage-Schwung
Glatt als Immenstaatsverarschung
Denn das Hummelfahrtskommando
Steckt und bleibt grad in 'nem Land, wo
Man vergärt in "Poah!"-Fäkalien
Voll entehrt in Vor-Analien

Ja, das verschweigen Heilsversprechen
Sich und andre abzustechen
Endet stets als Hammelflug
Lasst euch nicht führ'n zum Versuch!
Mögen Ungerechtigkeiten
Sich auch fürderhin verbreiten
Und man rät, von Opferseiten
Da mal drastisch einzuschreiten
Irgendwann gäb's auch mal Lohn ...
Bleib am Leben, Hummelsohn!

Auch ohne Schein und Selbstbetrug
bleibt Hummel sein noch Fluch genug

Frank Klötgen: Das Kleid für Frau Eleanor

Das Kleid für Frau Eleanor (gekürzte Slamversion, Stand 2016)

Wenn ich ein Kleid näh' für Frau Eleanor
dann kommt mir das fast nicht wie Kleidnähen vor
Denn für Durchlaucht gebrauch' ich ja ausschließlich Tuche
die durchaus als Handschmaus und auch vom Geruche
dem Sinnentief ein Tauchgrund sind
Für solche Haptik würd' ich blind!
Das ist
von Tastsynapsen hergebebter
feindurchwebter, nie erlebter
fingerspitzfühligster Anfasskomfort
und deshalb kommt's mir auch fast nicht wie Kleidnähen vor

Für gewöhnlich bestöhn' ich Beschwerlichkeiten
beschwer' mich ob unschöner Kernarbeitszeiten
zumal ja auch mein Stundenlohn
der Schrundenproduktion zum Hohn
Ich fühl' mich derart ausgelaugt
weil meist das Material nicht taugt
dass es den Fingern widerstrebt
die Rotzstoffbahnen zu berühren
der Tastsinn sich des Amts enthebt:
"Nee danke, mag heut' nix mehr spüren!"
Und das ist auch kein läppischer Kurzzeitverdruss
kein "na du, wie näht's denn so?" - "muss ja, ne? muss!"
sondern so, dass man bei jedem Einfädeln denkt
ob man nicht schon zu lang an der Nähnadel hängt

Aber wenn ich ein Kleid näh' für Frau Eleanor
dann gibt's da kein "bäh!" mehr, dann ist da nur "boah!"
Manch' Blödian blökt: "Klar, die Braut hat halt Zaster!"
Doch hier geht's auch um Haut! Ein in Ehren erblasster
Teint von alabasterner Seide
Ein "lass ma den Strass da, will das da!"-Geschmeide
dreifaltig gealtert, untadelig
und überdies noch adelig
Da freuen Niet und Nadel sich
zu solchem Festakt geladen zu sein
auch die Restmaterialien stimmen mit ein:
"Mann, hab'n wir ein Schwein! Wer konnte es ahnen
dass wir im Verein diesen Körper umgarnen?!
Und das noch mit Tuche von edelstem Feinschnitt!
Nach so was gier'n Garne, gurr'n gerne um Eintritt..."
Und so fügt sich zusammen, was zusammengehört
auf dass Stoff zart umkost, was als Leib uns betört

Ja, wenn ich ein Kleid näh' für Frau Eleanor
erstürm' ich den Saum wie ein Konquistador
lass' wallen, mal fallen, mal Körper betonen
besticke mit kostbarsten Applikationen
verführe mon Öhr nach Stich und Faden
zwing' den Zwirn in der Zier der Bordüren zu baden
drill' mich  selbst in den Kern der Vollkommenheit
bis ich fügsam verkündige: "Durchlaucht? Ihr Kleid."

Gleich recken die Hälse sich Jung-Baronessen
meckern Möchtegernmägde und Zeitgeist-Mätressen
"Auch uns stünd' solch' edles Kleid gut zu Gesichte!"
Ja, nur für das Kleid wär's 'ne üble Geschichte
Euch, die ihr stets "das will ich auch haben!" schreit
fehlt jegliche Erhabenheit
Zwar trag'n euch die Stelzen der Selbstüberschätzung
doch in solch' einem Kleid würdet ihr glatt versinken
da würd' Garderobe zur Körperverletzung
ein der Pracht der Textilie hinterherhinken
Wer seid ihr denn schon? Und was könnt ihr noch werden?
Weit're Stütchen im Pulk der Mittzwanzigerherden?
Mann, ihr steckt doch noch voll in der Talgproduktion
grad die Pickel geschafft, zeugt die Irritation
eurer juvenilen Epidermien
von viel zu viel Ferien in Herrgotterbärmien!
Es gibt kein'n Genuss in der Mitesserphase
Eure Hochzeit wird auch nur ein "schwupps, ach, da war'se!"

Jedoch, wenn ich Maß nehm' an Eleanoren
perlt ewiger Luxus und Nektar aus Poren
die göttergleich und dotterreich
apart, Brokat und watteweich
entfachen Infarkte aus samt'nen Behagen
in Kadenzen der Grenzenlosigkeit
mit Bergluft höchster Labsal-Lagen
Und über all dem schwebt: das Kleid
Ein von Perfektion versetzter Kick
der Schöpfung greestes Meesterstick!

Und dann ende ich hier, weil grad das Schicksal drauf Lust hat
als fader Durchschnitt ausgemustert?
Erst leichten Sinnes Schwerenöter
dann frauchenloser Catwalk-Köter?

Ok, so werd ich, mag ja sein
heut Abend meine Naht los sein ...

Doch
fühlt sich drum wer versucht nach meiner Holden zu spähen?
...mal die Füße stillhalten! Und lernt erstmal nähen.

Frank Klötgen: Das verschissene Grün dieser Wiese

Das verschissene Grün dieser Wiese, Luise - oder: Die Niederkunft der Mücken
(gekürzte Slamversion, Stand 2016)

Wundbrandig laugt sich der Tag vor Erschöpfung
die Sonne verharrt wie gelähmt im Zenit
Alle Haut schreit nach Schatten
selbst Bäume ermatten
und du seufzt: Nu' werd' ma' nich' paranoid!
Doch die Niederkunft der Mücken naht
auch wenn uns die Sonne ihr Ewig verspricht
erbarmungslos heiter
denn die Zeit geht ja weiter
man weiß das, man ahnt das, man spürt es nur nicht
Wie der Tag sich auch spreizt im zähen Sterben
gewährt er dem schönsten Moment nur 'ne Frist
Dahinter glimmt bereits Verderben
drum erzähl doch nicht dauernd: "Wie schön es hier ist!"
Das verschissene Grün dieser Wiese, Luise
ich sag dir, das macht's nicht mehr gut
Nichts währt hier ewig
und unser Glück eh nich'
Vergiss es, Louise, sonst bin ich es, der's tut!
Lass uns Glasscherben fressen, so lang es noch geht
wenn das Flussbett sie stumpf wetzt, ist's dafür zu spät
Lass uns Luftröhren-röchelnd im Röhricht verbluten
Ab heute gewinnen hier nicht mehr die Guten
Von des höchsten Glücks Gipfel kann es nur noch bergab geh'n
von dem Wipfel der Welt lässt sich nur das Hinab seh'n
Und das verschissen-verbliebene Grün dieser Wiese, Luise, ist bald schon vergessen
Vertraulich beschauliche Horizontsülze ...
Vergiss es, Louise, lass uns Glasscherben fressen!
Und Glas und Glück und Glück und Glas...
Nee, spuck's wieder aus, hey, das war doch nur Spaß!

Lehn dich zurück in den Schoss jener Böschung
wo der Fluss ja noch immer die Kühle der Nacht hält
wo in unmerklich drängenden, zaghaften Strudeln
die wattigen Samen der Pappelbrut trudeln
Uns wird schwindlig und ich bin's, auf den der Verdacht fällt
Ja, du hast Recht, lass uns jetzt nicht mehr zanken
das einzig Verlässliche soll heut nicht wanken
Wir haben zu hoch angesetzt
uns darin wie auch sonst verschätzt
nun schockiert von der Fallhöhe solcher Gedanken
Und der Mückenschlupf krampft sich durch stille Gewässer
Du fragst, wie's mir geht, und ich lüg' und sag': "Besser."
Ich sprech' dir schnell nach: "Ja, noch ist nichts gescheh'n."
Und im Wasser werd'n wir unser Spiegelbild seh'n
Frier es ein, Luise, bewahr den Moment!
Ganz egal auch, wie stechend die Sonne heut brennt
Denn Eis und Feuer und Feuer und Eis ...
Ach, vergiss es, mein Herz, Mann, ich red' heut nur Scheiß!

Der Grund, dass ich letztlich so flüchtend verreiste
war das Grün dieser Wiese, Luise, weißte
Stimmt's dich heut noch verdrießlich?
Ich weiß, ich verließ dich
zu voreilig
weil ich
das Sterben mehr fürchtete als jeden Tod
Und vielleicht hast du Recht, noch bestand keine Not
Doch all diese Stiche! Und wer sagt, dass die weggeh'n?
Wie sollt' ich das Grün, nicht darunter den Dreck seh'n?
Sag nicht, ich hätt's mir leicht gemacht
Es fiel viel schwerer als gedacht
Bevor's losging, hab' ich schon vor Heimweh geschrien
dann mir selbst auch im Namen der Restwelt verzieh'n
Nun kannst du mit den in mir befindlichen Scherben
mit etwas Geschick noch das Flaschenpfand erben
Und verkäst entbläst sich Zahnsteinmuff
aus abgeschminkten Lippen
Die schmier'n mir da Autan-Brei druff
und auch den Gilb der Kippen
die wir damals rauchten
obwohl wir's nicht brauchten
in unseren Zeiten, den hippen ...
Doch der Welpenschutz war aufgebraucht
die Haut vom Tabak gelbgeschmaucht
Und Rauch und Schall und Schall und Rauch...
ließ ich all dies zurück, ja, und dich
eben auch

Und nun, nach der Stille, vernimmst du ein Sirren
erkennst, sonnendurchflutet, der Luftschwaden Flirren
Mag der Fluss auch inzwischen hier kanalisiert sein
am Ufer, an sonnigen Tagen, da wird ein
Spiegelbild erkennbar bleiben
wo wattig Pappelsamen treiben
dass unser Idyll kein Vergessen gefährde
wenn auch alles verrottet in flüchtiger Erde

Und du siehst ringsum: das Grün
spürst die Mücke, den Stich
Es ist fast so wie früher
Doch was zählt's noch für dich?

Du sagst: "Fleiß und Preis" und "Preis und Fleiß"
und "Ich vermiss' dich, du Arschloch!"
bis das Gras raunt:
Ich weiß


Frank Klötgen: Der Täucher

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Der Täucher

Und es wallet und siedet und brauset und zischt
als täuchster der Täucher verließ ich die Gischt
Trieb auf von des Meeres tiefunterstem Grund
aus dem sprudelnden, strudelnden Höllenschlund
War eingetäucht in Nacht und Grau’n
begehr' dies nie mehr anzuschau’n
Ein Täucher bin ich – nur scheint’s besser
ich bin’s fortan im Binn’ngewässer

In brackigbrauner Teiche Tiefen
aus denen Fisch und Fäulnis miefen
wo Wasserpest und Seeros’ seuchen
pfleg’ ich nun ein- und aufzutäuchen
In meinem güld’nen Neopren
bin ich für jeden gut zu seh’n
bin spinnefreund dem Grätentier
doch gönn’ ich die Harpune mir
falls Ex-Laich mir mit Leich-Nahm droht
Denn dann wähl’ ich für ihn den Tod

Nun meldet mir des Königs Bote
dass zwar nicht ich sei der Bedrohte
doch eine gänzlich undevote
Bestie sorgt im Teich für Tote:
"Im Weiher weilt ein Terrorist
der unsrer Wauwaus Welpen frisst
und mehr als zwanzig Ellen misst
Ich schwör' bei Gott, dass das hier ist
der größte Wels, die Welt je sah
Von daher droht von dort Gefahr –
denn die Wehwehs der Welpen gelten
nicht viel in fieser Welse Welten!"

Ein Rudel Pudel nahm der Strudel
ein Baby vom Yorkshire? –
empfiehlt man sich: Borg’s dir
vom Wels, denn der hat noch ein Dutzend im Magen!
Seit Tagen jaulen und faulen dort gleichsam mit drin:
der Spaniel der Spanierin, die Collies aus Kolumbien
die Pitbulls weiser Bud-Pilstrinker
manch rasseloser Mischlingsstinker
der Golden Retriever der silbernen Diva
(die vor dem Ergrau’n auch nicht immer 'ne "sie" war)
Selbst des Königreichs staatlichste Nachfolgerdogge
vermochte der Wels übers Ufer zu logge
Der König ward ganz zürn vor Zorn
und zepterte hochwohlgebor’n:
"Das Herz des Wallers, bringt es Ihm!"
Doch wer stellt sich dem Unjetiem?

"Der Knappen sind nicht viele mehr
und deshalb komm’ ich auch hier her:
Ihr müsst den Tod der Welpen rächen
den Wels mit die Parpune stechen
dann lohnt – und das ist sein Versprecher –
der König’s Euch mit einem Becher!
So einem, wie Ihr ihn schon kennt
– bei Schiller ohne Happy End –
doch diesmal ist für Euch was drin!
Am Ende gar 'ne Täucherin ...?"

"Wenn denn der, der die Beller statt Libellen frisst
nicht anders stillzustellen ist
und Ihr seid Euch auch ganz gewiss
dass hier ein Notschlag tötig is' –
wohlan, so sei der Pakt geschlossen:
Der Wels bekommt was auf die Flossen!
Ruft mir den Zeugwart Michael –
vier Dinge nehm’ ich mit und wähl’:
Den Neopren, den Messerblock
den Medizinball und ein Trockentuch
falls mich der Milchner einschleimt
dass seiner Same nicht an mir keimt
und fruchtlos dieser Welt entfleuche
Dies ist das Ziel, so wahr ich täuche!“

In meinem güld’nen Neopren
bin ich am Weiher nun zu seh’n
Und kaum kam ich, umringt mich die jubelnde Schar
der nachlässlich haltlosen Hundehalter(rrr)
Der König spricht vom Mobile Thron
"Mein Volk verlor manch Hundesohn!
Wagt Ihr’s zum Wels hinabzusteigen
nennt diesen Becher Euer Eigen!"

Das Blattgold glüht im Sonnenlicht
des Schein am Rand des Bechers bricht
da prallt ein gleißend Strahl sich ab
ins teichgeword’ne Welpengrab
Schon schwillt das Wasser, wogt das Schilf
da grollt’s von drunten – Herrgott hilf!
Was drängt da bloß vom Grund empor?
Welch Grauen rief das Gold hervor
aus dem Schatten der Wasser zur tieferen Schwärze
dass jedem am Ufer hier stockt es im Herze?

Mein Gott, der Wels ist aufgewacht!
Und zielt nun aus dem Reich der Nacht
klar Richtung Land und Königs Pracht –
schießt pfeilschnell durch die Weiherpfütze
vom Flossenschwert stiebt Entengrütze ...
Das wird der Wels doch nicht vollbringen
per Flossenschlag wie Flügelschwingen
vier Meter über Land zu springen
dem König ’s Leben auszuwringen?

Der Souverän aufs Wasser stiert
sein blaues Blut im Leib gefriert
weil Panik ihm ein Kind gebiert
Da kommt der Wels emporgesprungen!
Am Bartel häng’n noch Hundejungen
Ein Unjetüm, wie mir erzählt
jedoch von welscher Qualität:
Der aller Welse Majestät ...
vorm König plump zu Boden geht
So seinem Element entrissen
hat er vorm Pöbel ausgeschissen
Der rückt nun an mit Kampfgerät
ruft "Einhalt, Irrsinn!" – ihr ruft zu spät
Bis auf des Wallers letzte Gräten
wird’s Fleisch aus ihm herausgeträhten
und so zerstäubt der greise Fisch
in Häppchen für den Speisetisch

Ein Ende, hund- und mundgerecht –
nur ich wälz’ mich im Schlaf, weil echt
mich dauert, dass der Wels-Gigant
ein so profanes Ende fand
Ein Täucher warst du – so wie ich!
Doch kümmert’s ein’n dort drunten nicht
auf welchem Königs Pakt man einschlägt
mit welchem Pack man dann Kontakt pflegt
weil man unlängst in Sphären schwimmt
wo Tageslicht ins Nichts verdimmt

Und doch fiel’n auf des Goldes Schein
wir gleichermaßen beide rein
Da greift die Einsicht – wiewohl späte
dass ich die Spur zum Golde säte
weil ich zwischen den Welten treibe
statt dass ich, wo’s mich hintreibt, bleibe
Und so setzt sich der oftmals verpennte Entschluss
dass jetzt mein Pendeln enden muss

In meinem güld’nen Neopren
will ich bei Dämm’rung untergeh’n
auf dass ich grundlos Ruhe find’
dort unten, wo die Täucher sind

Wortmeldung:

"Das war 'ne schöne Tauchgeschichte
nett eingerahmt von 'nem Gedichte ...
Doch wurd’ ja irgendwie nicht klar
wofür der Medizinball war?“

"Nun, seht den Ball als Bild der Erde –
sprecht: Was nicht ist, das werde, werde!
Gleicht dann nicht so ein Medizinball
uns Muttern Erde? Wir: das Weltall!"   

"Hm, ja, das ... schnall' ich trotzdem nich'?!"

"Bist auch kein Täucher – so wie ich!"

Frank Klötgen: Du in den Daunen

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Du in den Daunen

Du in den Daunen
darunter gedeckt
Du, die das Dunkel
bemunkelnd versteckt
Ich hör', wie dein Atem verlor'n übers Deck' streicht
und sauerstoffsüß jeder Hauch ein- und ausweicht
Ich lausch' diesem Wechsel von Lunge und Nüstern
gleich domestiziertem Astrallyrikflüstern
Doch nun zeigt sich vom Schlaf aufgetaucht dein Gesicht:
"Sach'ma, is' irgendwas?! Wieso schläfst du denn nicht?"

Nun, wie sollt' ich schlafen in dieser Nacht?
Ich bin koffeiniert und bin völlig durchwacht
Und wie würd' ich schlafen, wenn's trotzdem gelänge
auf wild perturbierendem Nervengestränge?
Merkst du nicht: Unsre Liebe, die Perfektionierte
bangt wie in den Sumpf einer Scheißwelt Verirrte
Das werd'n die uns nicht durchgeh'n lassen
wie wir mit Pheronomen prassen
Da gieren schon Tragödienschreiber
der Katharsis wegen "Gudde Laune!"-Vertreiber
Die laden jetzt zum Fehltritt-Casting
schrei'n scheinheilig entsetzt: "Das war's!" – Dringen
Dichter ins Glück, fügt sich nichts mehr zusammen
da hilft auch nicht, sich ineinander zu rammen
da werden wir zwei auseinandergekeilt
dann sprotzt's aus 'ner Wunde, die nie mehr verheilt
Unser Leiden soll anderen Leuden beschein'jen
man könnt' sich d' Seel' mittels Mitleid berein'jen
und wenn's nie
so schlimme war, wie's is'
dann weeste, wat Katharsis is'

Oha, das hat sie aufgeweckt
aus Morpheus' Tiefen raufgeschreckt:
"Mensch, gib doch ma' Ruhe, ey – ich brauch' meinen Schlaf!"
Dann erklärt sie mir noch, was ich soll, was ich darf
Doch wie sollt' ich schlafen in dieser Nacht
da bald ohne Erbarmen
uns Dramen umarmen
und Shakespeare'sche Viren
wirr von Wein, Shakes und Bieren
uns tragödisieren und zum Plebs-Fraß servieren?
Und wie würd' ich schlafen, wenn's trotzdem gelänge?
Ich sagt' es bereits, noch mal in aller Strenge:
Dies ist hier keine Chill-Outzone
wo Schiller haust und Griechen woh'n
Die griechen nie genug Affekt
– von dem in uns ja reichlich steckt –
für den Umkehrschwung ihrer lyrischen Launen
Ich bar jeder Hoffnung
und du in den Daunen

... schnorchelst Schlaf hinterher
wie verlorenen Jährchen
doch: "Es ist die Nacht egal
und nicht die Pärchen!
Es ist die Nacht e ..." – da fährt sie mich an:
"Mensch, Alter, was nervst du?!
Es reicht, Mann!" und dann
entsteigt sie den Daunen, um das Spiel zu beenden
schnürt sich die Schuh' mit gebundenen Händen
und lächelt gequält zum Krakeelen der Nachbarn
weil sie gar nicht versteht, dass die eh schon längst wach war'n
Die rüsten sich zum Schlussapplaus –
eh der erklingt, ist sie längst raus!
Und ich sitz' da als Übrigbleiber
und Spielball der Tragödienschreiber ...

Und ihr!
Hat es euch was gelehrt
und war es die Erkenntnis wert?
Ließen süßer Rausch und hernachfolg'ndes Scheitern
euch den Ethos erkennen und die Einsicht erweitern?
Schoss euch auch Mitleid durch die Därme
und gab der Furz des Schicksals Wärme?
So habt von Weisheit ihr gekostet
auf meines Glückes Kosten hosted
by Shakespeare, Aristoteles,
et cetera und Co – es lässt
den ein'n oder andern erschaudern und staunen
doch von mir gibt's ein bockiges "Buh!" aus den Daunen

Vielleicht auch noch ein Wort an die Leidensgenossen
ihr von Amors Pfeilspitzen waidwund Geschossen-
en: Wenn
die Schicksalsschlagdrumsoliwucht auf euch kracht ...

Knutscht mit der Bassistin
und dann: Gute Nacht!

Frank Klötgen: Cindyrella

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Cindyrella

Hellersdorf wird dunkler werden
Weil es nu' so is' auf Erden
So war das immer und endet nie
Für die prekariabele Peripherie
Dort, wo die Aschenputtel wohnen
Dort bimmeln tagtäglich die Jamba-Millionen
Doch sitzt es sich kläglich hier auf unsern Thronen
Denn wo ist hier so eine, wenn ihr wisst, was ich meine
Dann wisst ihr, ich meine so eine mit Haut
Weiß wie Schnee. Lippen
Rot wie Blut. Und Haare
Schwarz ... wie eben die St. Oberholzer iMac-Schnitten
Nie war'n und nie wer'n und sich trotzdem ausbitten
Ikonen des Geschmacks zu sein
Zeitgeistreich berufen – ich würd's nicht beschrei'n
Wie ihr euch hier eingebildet habt
Im Schaum der warmen Latten labt

Sicher, ihr seid die Schönsten hier
Aber die Flittchen hinter den Prenzlauer Bergen
Die versieben Karrieren, die für euch keine wären
Und Spieglein, oh Spieglein, was will uns das lehren?
Wir sind gewiss die Schönsten hier
Aber die sind noch tausendmal schöner als wir

Denn deren Glanz glüht nur für eine Saison
Die hyperbrillier'n und dann hat sich's auch schon
Weil ab da, da der Wandel zur Schwänin geschieht
Schon der erste Hauch Grazie dem Körper entflieht
Nichts kann ihres Anmutes Ausfaden stoppen
Und kein Aufschub lässt sich bei New Yorker ershoppen
Keine H&M-Erschwinglichkeit
Bewahrt ihn'n die Vollkommenheit
Denn bald luken aus all ihrer Antlitz' Ritzen
Die Zusatzstofffährten der Tiefkühlpizzen
Und vor Aldi-geadelten Burger-King-Schlössern
Schwing'n satte Prinzesschen sich von ihren Rössern
Statt der Entgaloppierten komm'n nun wir angetrabt
Unsre Zweite Wahl-Wunden sind auch schick vernarbt
Tja: Laptop, Top-Abi und Bio-Ernährung
Sind auf längere Ansicht die härtere Währung!"

Und sicher, wir sind die Schönsten hier
Aber die Flittchen hinter den Prenzlauer Bergen
Die versieben Karrieren, die für uns keine wären
Und Spieglein, oh Spieglein, was will uns das lehren?
Wir sind gewiss die Schönsten hier
Aber die sind noch tausendmal schöner als wir

Verweile Moment, derweil du so schön bist
Eh McKinsey die Reinheit der Blüte im Stil misst
Spann weit deine Flügel, umschwirr diese Wirrnis
Denn wenn schon zur Kirmes, dann bitte mit dir, Miss!
Von euch taugt und paukt sich hier keine zur Chefin
Ihr verschenkt euch an Justin und Mar- oder Kevin
Eingeschwängert von Jungs ohne wirklichen Namen
Gerbt euch derb in Solarien und fühlt euch wie Damen
Warum schreit hier kein Denkmale-Schützer Alarm
Warum denkt sich kein Schutzengel: "Herr, hab' Erbarm'!"
Müssen Weddinger Grazien so früh an sich scheitern?
Lässt sich aschengeputteltes Glück nicht erweitern?
Doch wär' ihre Schönheit nicht gar so arg rar
Schien' dann nicht die Reinheit auch weniger klar?
Denn vor all dem Verfall gefällt sie sich
Doch auch im Versprechen: "Ich halt' mich nicht ..."
Uns Holz hält – trotz aller Schnitzer – dagegen
Uns treibt Oberwasser, erteilt uns den Segen
Gewachst in Anti-Aging-Cremes
Mensch, Alter, dass'de dir nich' schäms'!?

Nun sind wir vielleicht die Schönsten hier
Aber die – war'n doch tausendmal schöner als wir!

Wo sind denn all die Cindys hin, die's
Dann diddlmausdösig verdaddelt ha'm?
Weil der'n Glut längst verglomm
Laufen Restakkus warm
Nur ihr Streben nach Schönheit stützt ihr Straucheln vorm Thron
Aber letztlich wirkt unsres Nests Gene-Ration
Nun noch ein Bachmannpreiswürdiger Name fürs Kind
Derweil die noch bei Lara und Benjamin sind
Die sind vielleicht tausendmal schöner als wir
Doch Kindchen, was zählt, ist:
Die da – und wir hier

So endet das immer – und endet doch nie
Für die prekariabele Peripherie


Frank Klötgen: Rechne mit Wolkenbrüchen

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Rechne mit Wolkenbrüchen

Wenn Wolkenbrüche Worte brechen
Vorhergesagter Scheinversprechen
So will ich dir ein Schirmherr sein
Dass Niemands Platsch dich pläddernd plättet
Kein Tropf dich trifft uneingefettet
Und saugt und saut sich in dich ein
Behüte ich zum Schutz und Trutze
Dich mit geweihter Hautkapuze

Den Nasenflügel weite ich
Zur vollen Breite nur für dich
Und stülp' ihn wölbig auf dein Haupt
Sofern dies mir von dir erlaubt
Gebette dich in Nasenpelz
Und hoff' inständig, dir gefällt's
Erwachst du dann, ist wieder Tag
Nur eben ohne Niederschlag

Und du – du find'st das widerlich
Da habe ich wohl wieder nich'
Den rechten Ton getroffen
Zuletzt zu oft besoffen, ey
Das lässt zumindest hoffen, hey
Dass ich beizeiten bin soweit, dass ich im Ton die Tönung treff'
Es wär' ja allzu schön, drum kräf-
tig weiterüben im Betönen
Und näher komm'n dem echten, schönen
Rechten Ton zur Distinktion
Von früheren Versuchen
Die ungehört wie unerhört
Wir unter Spreu verbuchen

Der Blick auf diesen Kontostand
Ist keines Glückes Unterpfand
Doch in deines Glucksens Unterton
Ja, Baby, ich bemerk' den schon!
Klingt lautlos lau – fast unerwähnt
Dass ich nicht gänzlich abgelehnt
Allein die Nase passt dir nich'
Zu nah, zu Haar, zu nasty – sprich:
Das war's in Sachen Nas' für dich

Der Nässe wegen aber nutz
Mich anderwärts als Regenschutz:
Ich zieh' und zerr' aus meinem Ohr
Für dich ein Längenmaß hervor
Das niemand je zu Ohren kam
Darunter ist es trocken, warm
Wenn ich der Lauscher Muschel knick'
Wird's lauschig dir und kuschelig
Im Ohrenmuschel-Unterstand
Nimmt Pfötchenhalten überhand
Man knutscht sich sanft die Ohrtrompete
Sagt: Sorry, dass ich mich verspäte-
te – das kommt auch nicht mehr vor
Ab heute bin ich dir ganz Ohr

Du sagst, das sei ein wenig viel
Entspräch' nicht deinen Ton und Stil?
Doch Muscheln – war's nicht letztes Jahr?
Im Sommer, immer strandlängs, klar
Ich hab' dich Muscheln sammeln seh'n
Gebückt, entzückt vor "Guck' mal, schön!":
Lausch! Rauscht nicht Ozeaniens Brausklang
Vom Muschelhaus hinaus zum Ausgang?
Und mit diesem Ton kündet die Muschel im Sand
Lohn dem, der sie findet, von Tiefe und Strand!"

Das Viech da drin ist aber hin!
'n schlechter Tausch für'n Mehr an Rausch
Und, bitte sehr, was willst du Meer
Wenn ich dir ständig Boden bin
Um Niederschläge abzuwehr'n?
Ich will's jetzt nicht noch mal erklär'n ...
Ein Wort von dir und – bitte, gern!

Auf ganz passablen Halbtonschritten
Komm' ich auf Versen dann geritten
Die bislang nur mit "F" geschrieben
Und um ein "h" Verseh'n geblieben
Gleich uns einander hingezogen ...
Von Rausch zu sprechen – wär' gelogen

Doch wenn Wolkenbrüche Worte brechen
Vorhergesagter Scheinversprechen
So werd' ich dir ein Schirmherr sein
Stimmst du auch widerwillig ein
's klingt fast wie wieder willig sein

Frank Klötgen: Ein den Haarschnitt Frank Elstners ergänzendes Pelztier

Mehr Kacheln!

Ein den Haarschnitt Frank Elstners ergänzendes Pelztier (Das Kleine zum Großen)

Wenn Rinder Rinden runderneuern
rund hundert Runden wiederkäuern
sie forsch durch Forst und Dickicht steuern
zur Freud von Eut-er eignenden Bäuern
landen die die die die die Milchpreisberechnung betreffenden Sorgen
im Mailfach Typ "Joah – das besprechen wir morgen ..."
weil jedes Rind, das Borke frisst
sowohl Milch- wie auch Mulchkuh ist

"Mit d' Mulchbroduktion klapptet v'leischt net so gleisch
Broblem sind d' Schürfwund' im Backenbereisch!"
Aber wenn so' ne Kuhbraut
mit Mumm und Muh zuhaut
und immerzu kaut
und in Ruh dann verdaut
rührt sich manch Buhlaut
wenn aus Kuhhaut wer Schuh baut
Weil man nu' Richtung New Biz schaut
und seiner Kuhcrew voll vertraut

Muh!ltitasking in der oft
starr empfund'nen Milchwirtschaft
stützt als Star nun unverhofft
expandier'nde Wirtschaftskraft!
Oh, Bauernschlaue int'ressiert, wie man diversifiziert
Und schon fragt die Mulch herstell'nden Herren der Ställe
"Woas is'n doa nu' meine Haupterwerbsquelle?"

Wo Rindermilch und Rindenmulch sich brüderlich die Hände reichen
Söhne eenes eenz'jen Vaters – je als gleicher unter gleichen!
Finger in einander greifen – Kranz derselben Zahnradlinie
glimmt der Bäueräugenglanz:
"Gück ma, was isch getz' verdünje!"
Hei, wie die Milch die Euter bläht
der Mulch am Stamme neu entsteht ...!

Doch als sei's des Glücks zu viel
wenn eines mal zum andren passt
kommt nun Unheil mit ins Spiel
das den Lauf der Welt erfasst
Denn
irgendwo in Afrika
durch einen Jeep von Rent-A-Car
mit 46 km/h
verliert das Fauna-Inventar
ein Exemplar, das diesem Car
zu nahe kam und sah und flog
– gerissen von des Fahrtwinds Sog –
zunächst nur vor, dann an den Jeep
wo's letztelich auch kleben blieb
Und so starb noch im Nachhall des "Du fährst viel zu schnell!"s hier
ein den Haarschopf Frank Elstners ergänzendes Pelztier
Was grad noch schrill schrie, ruht nun still
fast filetiert im Kühlergrill

Doch kümmert's deutsche Landwirtschaft
wenn Trümmerbruch ein Tier hinrafft?
Bedingt. Bis hin zum Unbedingt
weil jeder Schritt zum nächsten zwingt
und alles – wiewohl gut durchmengt –
im Endeffekt zusammenhängt
Und dass beizeiten Haaresbreiten
spielentscheidend Leid bereiten
ist im Unterhaltungssektor
geenesfalls ein unentdeckter
Risk Evaluation Factor

Frank Elstner, Unterhaltungsdino
gab stets – obschon es selten schien so –
seiner Föhnfrisurenhülle
mit Lemurenspuren Fülle
Sifakas und Indris gelten
ebenso wie Varis selten
klar is': Überfährt'se wer
werden'se noch seltener

Und missgelaunte Visagisten
steh'n vor nicht vorhand'nen Kisten
weil statt Halbaffenhaar wieder gar nix erschien
zum unlängst vereinbarten Liefertermin
Und plötzlich wird vor Glotzen gemotzt und moniert:
"Der Elstner ist immer so schlecht toupediert!"
Das mailt man dann maulend ans ZDF
Betreff: Elstner  /(Slash) Dem Unterhaltungschef
Schreibt: "Ich, als GEZ-Einzahler
wünsch' mir für die Sportlergala
einen Moderator Jauch
(meine Magda mag den auch)!"

Elstners Weg wird von sinkenden Quoten gelenkt
und er selbst von den neuen Idioten verdrängt
Dem Moses der Unterhaltungsshow
folg'n statt Jünger nur Jüngere, fern vom Niveau

Doch nun genug vom Traurig-Schlechten
lasst uns zum Happy End hinhechten!

Denn es entdeckt der so treulos vom Fernseh'n Geschmähte
sein glückliches Händchen für Gartengeräte
Und mit 'nem Häcksler vom Extra
zerschreddert der Ex-Star
wohl auch aus Reflex ma'
so gute sechs Hektar
Buchsbaumhecken (neben andern Gewächsen)
Wer immer flexibel war, der kann auch flexen!

Der Rindenmulchmarkt steht vorm Preisinfarkt
Die Bild jubelt: "Elstner ist wiedererstarkt!
Erst leckte das Haar, jetzt bleckt er die Zähne
Wo Fränkie häckselt, fallen Preise und Späne!"

Nur Milchbäuer-Startups äugen etwas bedrückt
ihr Kuh-Clou-Plan bereits missglückt:
"Wenn Elstners Mulch den Markt einschwemmt
und er Kuhherdenmengen als Einzelner stemmt
dann bleiben wir den Weiden treu
krieg'n halt die Viecher wieder Heu!"

Dass Fernsehen und Landwirtschaft
durch ein zart erschein'nde Kraft
so sehr um ihre Fassung ringen
dies könnte kein Gigant erzwingen
Doch der Auslöser war – ja, ich ahn' gleich entfällt's dir:
ein den Haarschopf Frank Elstners ergänzendes Pelztier

Steckt solch ein Tierchen auch in dir
das im Klammheim seine Klauen wetzt?
Ein das Warten schätzende Maulwurfstier
das pränatal schon unterschätzt?
Du willst an großen Rädern drehen
an dir darf sich die Welt verschwenden?
Will Kür, soll Pflicht, mag Mulch geschehen
was dich verändert, muss verenden?
Du läufst hektisch umher, brüllst "Was geht?", denn du willst mehr:
Ein den Heidi Klums Ausschnitt zersetzenden Pilzteer?!

Nun,
Dichtung und Dung, Jung,
bitte niemals verwechseln!

So sprach schon Frank Elstner
Und dann ging er häckseln

Frank Klötgen: Mehr Kacheln!

Mehr Kacheln!

Mehr Kacheln!

Ich hab' noch im Keller 'n Stapel Kacheln
und darauf ruht ein Schächtelchen Moltofill
aus dem Kalkwerk von Thomas Bernhardt, du Arsch!
Ja, im Keller dreh' ich manchmal durch, wenn ich will

Dann stäubt vom Allzweckregal der Zementsack
und mein Timbre mäandert von seidig nach bleiern
und klebt auch der Boden vor solch Sedimentkack
Hier will ich heut Abend ein Nuttenfest feiern

In den Estrich fräs' drum ich ihr Gildenabzeichen
Klapp' den Campingstuhl auf und schaff' Platz für die Damen
Aber wird für die Party ein Polsterplatz reichen?
Und geht es nicht eh nur um Schminke und Sam ...? Ach,

Bikini, Bikini
Klavierspiel – Klavierspiel
Ach, Rimininini
und Schokrokoladil
Oh, Wellnesswalnuss und Kopfschmerztablette
Da plötzlich erkenn' ich die Staubsilhouette
von Gattin Martina, schon tönt auch ihr Mund:
"Was machst du hier unten?" und "Wo ist der Hund?"

Ja, das mit dem Hündchen, nun, wie soll ich es sagen ...
magst du mich noch mal in 'n Stündchen nach fragen?
Weil ich jetzt grad die Spur verlier'
zum guten treuen Hundetier
Soviel vorab:
Du erinnerst den Halskrausentrichter
der mit weißer Plaste den Hundskopf geschützt?
Ja, infektiös sind die Schnauzengesichter!
Doch ich denke, der Töle hat's echt was genützt
Nun, ich nutz' den Trichter als Schallraum und Staubschutz
im Rahmen der kellernen Heimwerkarbeiten
Hier wirbelt ein Bronchienkarthargo von Hausschmutz
die Essenz vom in tief're Geschosse gespeiten
ungeliebten Überfluss,
der Jahr um Jahr im steten Guss
und Ruß wie Rost uns untermauert
dass jeder Ordnungssinn erschauert
Auf deren Stockfleck-Schimmelsuren
schabt' ich im Kalkstein Korrekturen ...
Und wenn ich mich derart ergeh' hier im Staube
schützt mich nun Hassos Hundehaube!

Schau, den Trichter arretiert' ich mir
mit je zwei Bügeln, die ich hier
durchs Ohr gebohrt mit meinem Messer –
das könnt' auch ein Chirurg nicht besser!
Ich hab noch zwei Scharten ins Jochbein geritzt
und da muss man schon sagen: Der Trichter, der sitzt!
Und Martina, was meinst du, wie's innendrin klingt
wenn steil das Fräsmaschinchen singt?

High Lohengrin!
Ach, Paradontose
Old Shatterhand
und Baccararose
Ui, Blasenohr vom Blasrohrchor
Da: Quittungsblock! Und Plüschdekor
Und jetzt fragt Frau Martina, ob sie wohl recht sehe
dass der schwere Zementsack im Hochregal stehe
"Ist wohl unten kein Platz mehr, hä? Das ist der Grund!
Und ich frag' dich nicht noch einmal: Wo ist der Hund?"

Das ist ...
ein Allzweck- und kein Hochregal!
Also bitte, Martina, das ist nicht egal ...
Ich kann's nun ganz und gar nicht leiden
wenn Menschen bei Möbeln nicht recht unterscheiden
und verzeih, wenn ich hier jetzt dich nachäffend kläff':
"Was soll denn im Estrich das Nuttenrelief?"
Mann! Ich polier' mir die Plaste vom Helm des Wauwaus
und dann hau' ich hier gleich noch die Einladung'n raus!
Dann komm'n hier Kacheln an die Wände
da gibt's Klavierspiel ohne Hände!
Da werd'n dem Frischgefliesten trau'n
die richtig gut gelaunten Frau'n
Dann Rimnini hier, ey – Bikinibikini!
Dann gibt's die Libretti vom Trichter-Puccini!

Ach, was – das Stündchen ist schon um?
Ja, mit dem Hündchen, das war dumm
Ich hab' ihm, ich sag's unumwunden
den Plastetrichter abgebunden
als er hier durch den Keller strich –
ich weiß, der Hasso mag das nich'
Doch er hat, ich denke: unbestritten
darunter nur mental gelitten
kurz aufgejault, eh'r kleinlaut im Ton
ein böser Blick – das war's auch schon!
Er wird wohl grad dort ob'n im Garten
auf etwas Trost von Frauchen warten
(darüber hinaus werd' ich gleich nach der Paus'
glaub' ich, in die Hausstaubschicht der Kachelscheiben
vielleicht noch "Sorry, Hasso!" schreiben)

Und Martina entzieht sich der Staubsilhouette
mit dem Schwung der unglaublichsten Halbpirouette
komponiert auf den Treppen mit kundigem Gang
das Knarzen der Stufen zu wohligem Klang
"Schön gemacht!" hab' ich gedacht und Ach und Ach und Ach und ...

Ach, Bikini Bikini
Guck: Restwertstofftonne
Oh, Milka Nussini
und gütige Sonne
In deren behutsam dosierten Strahlen
sich Ehefrau und Haushund aalen
Welch irdisch beschiedenes, himmlisches Glück!
Ich vernehm' es und geh' in den Keller zurück

Frank Klötgen: Die Stadt liebt dich

Die Stadt liebt dich

Die Stadt liebt dich

Auf den Trottoirs und Bürgersteigen
In deren Geflecht sich Verzweigungen zeigen
Das organisch geordnet und organisiert
Die Eingeweide der Stadt impulsiert
In Kabeltunnel abgetauchtes
Kontaktstellennahes Elektrogesurr
Durch Lüftungsschächte hinaufgefauchtes
Tönen als Stöhnen der Infrastruktur
Ach, all dies sehnt sich so nach dir
In muskelfaserig dehnender Gier

Diese Stadt, sie liebt dich
Umgarnt unermüdlich
Die Fäden um jedweden Weg, den du gehst
Zieht schnurlos umwunden
Die Spur deiner Runden
Die du aus Gewohnheit und Wohnnähe drehst
Will sich ins weiche Fleisch deiner Kniekehlen schmiegen
Und sich fügsam im Takt deiner Schrittfolgen wiegen
Im Tapptapptapp ... der Absatz-Crescendokaskaden
Deren plätschernder Guss strömt als Kuss deiner Waden
Im Ballendruckrausch
Der auch mir suggeriert
Mein Platz sei all hier – unter dir asphaltiert
In der Stadt, die oft schon schien der Welt
Frivolstes Minneminenfeld
Wo Fahrtwindsogströme verweh'n zu Gesängen
Und summen uns zu von Zusammenhängen
Die einem seichten Geist entgeh'n
Doch gleichsam deutlich fortbesteh'n

Und wenn du dich nächtens vorm Laptop verneigst
In die Geist-Abstellkammern des Internets steigst
Schwärm' ich nahtlos wie drahtlos aus und besetze
Dein Dropdown-Menü der verfügbaren Netze
Solch flüchtig' Begegnung würde mir wohl genügen
Als keuchende Keuschheit und Liebesvergnügen
Neben dem, was die Stadt einem Liebenden gibt
Sofern er wie ich dich und grenzenlos liebt
Lässt sie ihn in den Pools ihrer Database baden
Und angezapfte Quellen wallen
Am Wartable der Überwachungsnomaden
Wer von hier durch die Stadt streift, weiß alles von allen
Lauscht Gesprächen, die darob auch ihm was erzählen
Aus von Wanzen gespeisten Kanälen zu wählen
Umkost Körperkonturen als Ziel des Radars
Im Fokus der Infrarotwachkameras
Und plötzlich bist du mir ganz nah
So anvertraut und auswertbar
Analytisch durchdring' ich den Tanz deiner Fährten
Erschließ' mir dein ewiges Routenprofil
Gefüttert vom Observationen-Genährten
Es kennt deine Wege, weiß Uhrzeit und Ziel ...
Und so pass' ich dich ab, dass wir uns fast berühren!
Und in solchen Momenten, da musst du was spüren?

Zwar wahr' ich den Abstand und scheue das Licht
Trotzdem frag' ich dich jetzt: Sag, erkennst du mich nicht?
Mal hockt' ich gebückt unter Brückenbögen
Mal stand ich am Flughafen rum wie verirrt
Und auf ewig wird mich wohl entzücken mögen
Die Zugfahrt, da ich ungeniert
Dich fast drei Stunden angestiert
Dir mit handwarmen Blicken den Nacken massiert
Und wenn dir nun schwant: "Das erinn're ich noch!
Da war was im Zug ..." Und: "Dann kenn' ich den doch!?"
So schweig – belassen wir es so!
Ich seh' dich noch später. Und weiß auch schon, wo ...

Auf den Trottoirs und Bürgersteigen
In deren Geflecht sich Verzweigungen zeigen
Wo wir stalken'n'walken
Und walken'n'stalken
Ja, all dies sehnt sich so nach dir
in muskelfaserig dehnender Gier

Diese Stadt, diese
Stadt

"Mehr Kacheln!" - alle Slamtexte von 2007-2010

Frank Klötgen: Mehr Kacheln!

... diese und 8 weitere Slamklassiker in Originallänge sind in dem Band "Mehr Kacheln!" (April 2011) zu finden. Außerdem 44 weitere (Kurz)Gedichte.

Die letzten 20 Exemplare von "Mehr Kacheln!" können hier bestellt werden.

Sobald der Band ausverkauft ist, werden hier alle 18 Slamgedichte daraus als Texte plus Livevideo (soweit vorhanden) veröffentlicht!



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